Mehr als eine Million Südsudanesen warten in Uganda auf Rückkehr

Genf/Arua/Juba (APA) - An der Aufnahmestelle, wo sich Flüchtlinge aus dem Südsudan registrieren müssen, um einen Platz im „Lager“ Imvepi im ...

Genf/Arua/Juba (APA) - An der Aufnahmestelle, wo sich Flüchtlinge aus dem Südsudan registrieren müssen, um einen Platz im „Lager“ Imvepi im nordugandischen Bezirk Arua zu bekommen, geht es momentan gemächlich zu. Nur wenige Mitarbeiter des UNO-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) und der ugandischen Regierung sitzen im Parcours aus großen Zelten, wo das medizinische Screening, die Notversorgung mit Nahrung und der Papierkram vorgenommen werden, eher untätig herum.

Die Ruhezelte für den Kurzaufenthalt, bis es für die Flüchtlinge weiter zum zugeilten Platz in Imvepi geht, sind weitgehend leer. Nur zwei, drei Leute schlafen am Boden. Täglich kommen laut Angaben der ugandischen Behörden derzeit etwa 200 Menschen pro Tag über die Grenzen - entweder direkt aus dem Südsudan oder via die Demokratische Republik Kongo.

Heuer im Frühjahr, als Imvepi als weitere Flüchtlingssiedlung gegründet wurde, sah das ganz anders aus. Der großteils hausgemachte blutige Konflikt um Macht und Zugang zu Ressourcen im Südsudan zwischen den Regierungstruppen von Präsident Salva Kiir, unterstützt von seiner Volksgruppe der Dinka, und seinem Ex-Vize, Rebellenführer Riek Machar von den Nuern, eskalierte damals erneut. An Grenzstellen trafen Tausende in Uganda an einem Tag ein; sie wurden zu Sammelstellen weitergelotst und mit Bussen und Lkw zu den Aufnahmestellen von Imvepi und anderer Lager gebracht.

Mehr als zwei Millionen Menschen haben wegen des Bürgerkriegs den Südsudan, der sich 2011 vom Sudan abspaltete und als unabhängiger Staat nach jahrelanger blutiger Gewalt hoffnungsvoll in die Zukunft blickte, in den vergangenen vier Jahren verlassen. Etwa die Hälfte davon hat sich nach Uganda gerettet, das nun die größte Flüchtlingspopulation in Afrika beheimatet.

Von einer „Schließung“ der Flüchtlingsrouten wegen eines „Massenzustroms“ oder einer „Völkerwanderung“ wie in Europa 2015 und bis heute will man in Uganda allerdings nicht sprechen. Sogar das Wort „Lager“ ist eher verpönt. Die ugandische Regierung betreibt eine „Politik der offenen Türen“. „Wir halten sie (die Flüchtlinge, Anm.) nicht als Gefangene, wir geben ihnen Land“, sagt Peter Debele, Statthalter von Staatspräsident Yoweri Museveni im Bezirk Arua, wo Imvepi und mit Rhino Camp eine zweite große Flüchtlingssiedlung liegt. 800.000 Einwohner hatte Arua, durch die Flüchtlingskrise sind es um 200.000 mehr geworden.

Jede Flüchtlingsfamilie - bei bis zu 90 Prozent handelt es sich um Frauen, denn ein Großteil der Männer ist zum Schutz von Haus und Hof im Südsudan geblieben oder kämpft dort freiwillig oder unter Zwang - bekommt ein 30 mal 30 Meter großes Stück Land für Unterkunft und Garten und 250 Quadratmeter zum Anbauen. Material wie Planen zum Bau eines ersten Unterschlupfs gibt es vom UNHCR und anderen Hilfsorganisationen ebenso wie Werkzeug zum Feldbau.

„In der Nacht brachen Kämpfe aus, sie begannen Häuser anzuzünden und mit Messern aufeinander loszugehen. Wir liefen einfach davon und sind anderen Flüchtenden gefolgt“, schildert Victor. Der 14-Jährige und ein Bruder mussten einen weiteren Bruder auf der Flucht teils tragen, weil dieser Angst hatte, über die Leichen zu steigen. Sie leben jetzt bei der 25-jährigen Mande, die es aus der südsudanesischen Stadt Yei nach Imvepi geschafft hat. Sie wurde Zeugin von Zwangsrekrutierungen, Vergewaltigungen und Leichenszenerien. Inzwischen hat sie ein Lehmhaus und eine separate Küche, ihre zwei leiblichen Kinder sowie neben Victor drei weitere Buben aus ihrer früheren Nachbarschaft, deren Eltern vermisst werden, und die sie bei sich aufgenommen hat, schlafen in der Hütte aus UNHCR-Planen. Ihr Mann lebt mit seiner „Ko-Frau“ im Rhino Camp. Strom für alle gibt es nicht in Imvepi, das Wasser kommt mit dem Tanklaster. Die junge Frau kann sich und die Kinder aber inzwischen teils selbst mit Gemüse versorgen. An einem Stand verkauft sie Süßigkeiten und selbst gemachtes Mandasi-Gebäck und verdient sich so ein bisschen etwas.

Viele der Südsudan-Flüchtlinge sind schon zum zweiten Mal aus ihrer Heimat nach Uganda geflüchtet. So auch der 32-jährige Michael, der schon als Kind im Nachbarland war, als die Sudanese People Liberation Army (SPLA) für die Abspaltung des heutigen Südsudan von den „Arabern“ - gemeint ist die sudanesische Regierung in Khartum - kämpfte. Umgekehrt waren viele Ugander in den Südsudan geflohen, als die Lord Resistance Army (LRA) bis vor etwa zehn Jahren Norduganda unsicher machte. Keiner der Flüchtlinge schildert eine rosige Lage, ihre Lebenssituation in Imvepi ist prekär und oft reicht das Essen kaum oder das Geld fehlt, um sich aus der Ernte Mehl mahlen zu lassen. Dahin gehend auch der Appell des Ex-Polizisten Michael: „Vergesst uns hier nicht!“

Das Setting einer Ansiedlung der Flüchtlinge mildert die Situation im Vergleich zu klassischen Flüchtlingslagern aber ab, wie UNHCR-Mitarbeiter versichern. Wie sich die Lage weiterentwickelt, weiß freilich niemand. Der Chef des UNO-Welternährungsprogramms (WFP), David Beasley, warnte jüngst vor einem erneuten Anstieg der Flüchtlingszahlen. Grund seien Versorgungsengpässe in einigen Flüchtlingslagern in Afrika und im Nahen Osten. Es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen Hunger und Migration, sagte Beasley der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“.

Die ugandische Regierung will auf jeden Fall weiterhin Flüchtlinge aus dem Südsudan ins Land lassen, denn auch „Obergrenzen“ sind ein Fremdwort für sie. „Wir haben zwar nicht die ausreichenden Kapazitäten. Aber wir haben den guten Willen“, sagte jüngst der für Flüchtlinge zuständige Staatssekretär Musa Ecweru vor österreichischen Journalisten in Kampala nicht ohne Ironie und Schicksalsergebenheit. Die Schutzsuchenden seien „unsere Brüder und Schwestern“, aber sie seien auch „eine Last, die zu schwer für das Land ist“. So hoffen sowohl die ugandische Regierung als auch Michael und die meisten anderen Flüchtlinge, dass sie möglichst bald in den Südsudan zurückkehren können. Frieden dort zeichnet sich allerdings nicht ab.

(Wiederholung vom 22.11.)

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