Mit Herzblut und Schweißtropfen: Karate-Pionier verabschiedet sich
Vor 40 Jahren gründete Herbert Haslwanter das erste Fitness- und Karatestudio in Tirol. Nun verbeugt sich der Innsbrucker Ken-Jitsu-Meister im achten Dan ein letztes Mal.
Von Michaela S. Paulmichl
Innsbruck –Eine ernsthafte, fast grimmige Miene und geballte Fäuste für das gemeinsame Foto – immerhin handelt es sich beim Kickboxen um eine Kampfsportart –, aber dann kann Herbert Haslwanter es doch nicht länger verbergen: „Das ist nicht leicht für mich, immerhin ist es endgültig“, sagt er voller Wehmut. Das Gruppenbild mit seinen Trainern war ein Abschiedsfoto – das Studio wird geschlossen –, gleich nach dem Termin haben alle mit angepackt und die Bodenmatten weggeräumt.
Nur die Trainingspuppe ist noch da und an den Wänden hängen noch die Fotos von Wettkämpfen und viele Urkunden. Direkt über der Tür das wichtigste Zertifikat, die Auszeichnung mit dem achten Dan für den heute 70-Jährigen, verliehen von der „International Budo Federation“ für asiatische Kampfsportarten. Die acht auf seinen schwarzen Gürtel genähten gelben Balken zeigen, welchen Ausbildungsgrad der Meister, der Hachidan, erreicht hat.
„Ja, es fällt mir schwer aufzuhören.“ Fast 40 Jahre hat der Innsbrucker sein Fitness- und Karatecenter Haslwanter, das erste Sportstudio Tirols, betrieben, viele Jahre davon in der Reimmichlgasse. Davor war er 17 Jahre lang an der Oh-Do Kwan Kampfschule in Stuttgart, um dort Ken-Jitsu-Karate zu trainieren. „Wir haben viele Meister hervorgebracht, darunter 1997 auch einen Weltmeister im Kickboxen und später noch einmal einen Vizeweltmeister“, erzählt er bei einem Rundgang voller Stolz auf seine Schüler. Einige hundert waren es im Lauf der vergangenen Jahrzehnte. „Mein ganzes Herz hat für sie und das hier geschlagen.“
Die Zeit, als Bruce Lee noch das Vorbild vieler war – „auch von mir“ –, ist zwar lange vorbei, doch die Faszination des Kampfsports sei immer geblieben. Dabei gehe es etwa bei Karate nicht darum, wie viele Dachschindeln, Ziegel oder Bretter mit einem Schlag „zerschmettert“ werden können, wie der Lehrer erklärt: „Das Training stärkt Körper und Geist. Weil man sich dabei sehr konzentrieren muss, ist es nötig, mit sich im Reinen zu sein. Alle, die bei mir etwas geworden sind, waren auch im beruflichen Leben stabiler, zielstrebiger und erfolgreicher.“ Viele Ärzte seien darunter gewesen, Rechtsanwälte, Richter und auch die ganz normalen Leute, wie er meint. Der gegenseitige Respekt sei dabei sehr wichtig, gekämpft wird erst, nachdem man sich voreinander verbeugt hat.
Ken Jitsuka, so heißen die Kämpfer, seien in der Lage, sich in jeder Situation angemessen zu verteidigen, dabei werden die wirkungsvollsten Verteidigungstechniken aus verschiedenen Budo-Sportarten angewandt. Und natürlich können sie ab einem bestimmten Ausbildungsgrad auch Dachplatten zerschlagen, auf einem Foto von sich zählt Haslwanter 22 Stück.
„Das hier stimmt mich schon traurig und wehmütig“, kann Herbert – alle Schüler nannten ihn beim Vornamen – wirklich nicht verbergen, wie schwer ihm der Abschied fällt. Der Grund dafür: „Ich geh’ in Pension.“ Außerdem sei die Sportschule in die Jahre gekommen, „hier ist alles nicht mehr zeitgemäß“. Dass rund um das kleine Gebäude gerade Bagger die Erde aufgraben für neue Wohnungen, passt zur getrübten Atmosphäre.
Zum Abschied möchte er sich noch bei allen bedanken – „bei meinen Schülern, es war wirklich fein, mit ihnen zu arbeiten und zu trainieren. Ich glaube, sie haben schon gemerkt, da ist jemand, der meint’s gut mit ihnen, und dass mein Herz dran hängt.“ Seinen Trainern, die sich nun selbstständig gemacht haben, wünscht er alles Gute. Aber ganz aufhören, das kann er dann doch nicht: Daheim, in einem kleinen Raum, wird weiterhin jeden Morgen trainiert.