Der Einzelkämpfer Heinrich Böll
Heinrich Bölls Geburtstag jährt sich morgen zum 100. Mal. Gleich zwei Biografien widmen sich Leben und Werk des Autors, dessen Kriegstagebücher nun erstmals veröffentlicht wurden.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Heinrich Böll hat einen schweren Stand: Als es 2010 aus Anlass von Bölls 25. Todestag galt, an Leben, Werk und Wirkung des Literaturnobelpreisträgers von 1972 zu erinnern, fällten führende Meinungsmacher ein vernichtendes Urteil: Marcel Reich-Ranicki, Literaturpapst a. D., etwa befand, Böll sei vergessen; und die Süddeutsche Zeitung erklärte den Verfasser einst richtungsweisender Romane – „Billard um halb zehn“, „Ansichten eines Clowns“, „Gruppenbild mit Dame“ – gleich ein zweites Mal für tot. Als Kronzeuge wurde nicht zuletzt Böll selbst zitiert: Er schreibe als Zeitgenosse – und wolle von Zeitgenossen gelesen und verstanden werden, hat er immer wieder betont. Inzwischen, so der Tenor der Abgesänge, hätten sich die Zeiten geändert.
Nun jährt sich am 21. Dezember die Geburt von Heinrich Böll zum 100. Mal. Eine Gelegenheit zur Wiedervorlage: Zumal die 27-bändige Werkausgabe bei Kiepenheuer & Witsch inzwischen abgeschlossen ist – und ausgewählte Bücher Bölls, darunter das berühmte „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, auch als erschwingliche Sonderedition bei dtv vorliegen.
Für einiges Aufsehen sorgen zudem die dieser Tage unter dem Titel „Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind“ erstmals veröffentlichten Tagebücher, die der angehende Schriftsteller und beherzte Friedensaktivist als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg führte. Böll dokumentiert darin seine lebensbedrohlichen Erfahrungen an der Front genauso wie den stupiden Alltag im Hinterland. Er klagt, jammert, betet und träumt. Um literarische Feinarbeit geht es dabei verständlicherweise nicht. Lesenswert sind die Tagebücher trotzdem. Nicht nur, weil sie die existenzielle Dringlichkeit von Bölls späterer Empörung über restaurative Bestrebungen in Nachkriegsdeutschland nachvollziehbar machen. Sondern auch, weil sie in einer Zeit, in der sich aus der Hetze gegen aus Kriegsgebieten Geflohene europaweit politisches Kapital schlagen lässt, vor Augen führen, was einem hierzulande seit sechzig Jahren erspart geblieben ist. Da schreibt einer, der uns viel zu sagen hat.
Um die Rehabilitation Bölls als Schriftsteller und als engagierter Bürger bemühen sich auch zwei fraglos kundige Biografen: Sowohl Jochen Schubert als auch Ralf Schnell haben die Werkausgabe mitverantwortet – wissen also, wovon sie sprechen, wenn sie Böll als Solitär der deutschen Literatur beschreiben, dem es immer um Haltung und nie um parteipolitisch zuordenbare Positionen ging.
Dabei ist Schuberts schlicht mit „Heinrich Böll“ überschriebene Studie die akribischere: Bisweilen sucht man in den mit Zitaten gespickten Schachtelsätzen nach dem rechten Sinn. Und manchem Schluss lässt sich ohne genaue Kenntnis von Bölls erzählerischem und essayistischem Werk kaum folgen.
Ralf Schnells „Heinrich Böll und die Deutschen“ hingegen kann Einsteigern vorbehaltlos empfohlen werden: Schnell nähert sich Leben und Werk des Autors in thematischen Blöcken – und macht dadurch auch den gesellschaftspolitischen Kontext anschaulich.
Dieser Ansatz kommt gerade jenen Kapiteln zugute, die sich mit Böll als öffentlichem Intellektuellen beschäftigen: Wenn etwa von der ätzenden Kampagne der
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-Zeitung gegen den Nobelpreisträger die Rede ist, nachdem Böll 1972 in einem betont polemischen Essay „freies Geleit“ – und nicht etwa: Freiheit – für die Baader-Meinhof-Gruppe andachte.
Vor allem aber betreibt Schnell Arbeit am Klischee: Mit den regelmäßig wiedergekäuten Zuschreibungen von Böll als „guter Mensch von Köln“ oder „Gewissen der Nation“ räumt er bereits im Vorwort auf. Vielmehr sei er „ein Einzelkämpfer“ gewesen. Und man möchte hinzufügen: ein Einzelkämpfer, den jede Generation für sich entdecken muss. Und dabei einiges lernen kann. Nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch darüber, was künftig drohen könnte.
Tagebuch Heinrich Böll: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Kriegstagebücher 1943–1945. Kiepenheuer & Witsch, 332 Seiten, 22,70 Euro. Biografie Jochen Schubert: Heinrich Böll. Theiss, 340 Seiten, 30,80 Euro. Biografie Ralf Schnell: Heinrich Böll und die Deutschen. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 19,60 Euro. Bölls wichtigste Prosaarbeiten, die Romane „Billard um halb zehn“, „Ansichten eines Clowns“, die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die Erzählsammlung „Wanderer, kommst du nach Spa...“ und sein „Irisches Tagebuch“ wurden als Sonderedition bei dtv neu aufgelegt.