1918/2018 - Kein Friede: Auch durch Spaltung der Arbeiterbewegung
Wien (APA) - Das Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 brachte keinen dauerhaften Frieden in Europa. Nicht einmal 21 Jahre sollte es d...
Wien (APA) - Das Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 brachte keinen dauerhaften Frieden in Europa. Nicht einmal 21 Jahre sollte es dauern, bis ein neuer, noch schrecklicherer Weltkrieg den Kontinent erschütterte. Dass dies nicht verhindert werden konnte, lag nicht zuletzt an einer gespaltenen Arbeiterbewegung.
Zwischen den beiden Kriegs-Katastrophen lag eine Zeit der politischen Kämpfe, Diktaturen, Wirtschaftskrisen und Bürgerkriege. Aber es gab auch Hoffnung auf eine bessere Weltordnung, Frieden, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und die Verwirklichung eines neuen Menschenbildes.
Einst mächtige Monarchien wie das Deutsche Kaiserreich und das österreich-ungarische Habsburger-Imperium waren im Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs untergegangen. Schon zuvor war der allmächtig scheinende russische Zar vom Thron gestürzt worden, das mit Berlin und Wien verbündete Osmanen-Reich kollabierte 1918 zusammen mit den „Mittelmächten“.
Der Krieg hatte nicht nur Millionen Tote sowie körperlich und seelisch Verkrüppelte hinterlassen. Auch wirtschaftlich lagen die verfeindeten Länder am Boden, insbesondere die Verliererstaaten. Die Verträge von Versailles (mit Deutschland), Saint-Germain (mit Deutsch-Österreich) oder Trianon (mit Ungarn) zwangen die Besiegten völlig in die Knie. Schier unbezahlbare Reparationskosten und enorme Gebietsabtretungen wurden ihnen abverlangt.
In diesem Klima war es schwierig, in den gerade von Monarchie und Aristokratenherrschaft befreiten Staaten eine neue, gerechte, demokratische Gesellschaftsordnung zu errichten. Viele Menschen hungerten, waren arbeitslos. Vor dem Ersten Weltkrieg war es vor allem die Sozialdemokratie, die den Ausgebeuteten und Entrechteten eine Stimme und Orientierung gab. Aber auch christlich-soziale Bewegungen engagierten sich für die Bevölkerung, allerdings gab es bei ihnen zuweilen starke antisemitische Tendenzen. Prominentes Beispiel: Wiens Bürgermeister Karl Lueger.
Nach den Schüssen von Sarajevo, als die Weltmächte wie „Schlafwandler“ (Christopher Clark) in den Weltkrieg taumelten, reihten sich „Proletarier aller Länder“ in die nationale und militärische Begeisterung ein. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. jubelte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Auch die französischen Sozialisten schlossen mit den bürgerlichen Kräften einen „Burgfrieden“, ebenso die österreichischen Sozialdemokraten mit dem Kaiserreich.
Nur wenige Sozialdemokraten, wie der Deutsche Karl Liebknecht und seine Kampfgefährtin Rosa Luxemburg, widersetzten sich offen der Kriegsbegeisterung - die beiden landeten im Gefängnis und wurden nach dem Krieg ermordet. In Österreich erschoss 1916 der pazifistische Sozialist Friedrich Adler - Sohn des sozialdemokratischen Parteichefs Viktor Adler - den Ministerpräsidenten Karl Stürgkh. In Russland kristallisierte sich innerhalb der Sozialdemokratie eine immer einflussreichere Bewegung heraus, die zur Speerspitze der Kriegsgegner werden sollte - die Bolschewiki.
Die gemäßigten russischen Sozialdemokraten, die Menschewiki, waren nach der Februarrevolution 1917 und dem Sturz des Zaren großteils für die Fortführung des desaströsen Krieges. Das kostete den Kriegsminister und späteren Premier Alexander Kerenski zunehmend Sympathien, seine Machtbasis bröckelte. Schließlich übernahmen die Bolschewiki in der Oktoberrevolution von 1917 die Macht. Ihr Anführer Wladimir Uljananow (Kampfname: Lenin) erließ als erstes das „Dekret über den Frieden“.
Obwohl das revolutionäre Russland im Frieden von Brest-Litowsk 1918 riesige Gebiete an Deutschland und Österreich-Ungarn abgeben musste, konnte die neue Führung um Lenin ihre Macht festigen. Zudem hoffte man auf einen baldigen Ausbruch der Revolution in Deutschland und anderen hoch industrialisierten Staaten. Nach marxistischer Lehre, so glaubte man, könne der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft nur in solchen Ländern erfolgen, nicht aber in einem rückständigen Agrarstaat wie Russland. Ziel Lenins war daher die Weltrevolution.
Der militärische Zusammenbruch der Mittelmächte ging einher mit Aufständen von Soldaten und Arbeitern. In Deutschland wurde die Republik ausgerufen, ebenso im aus den Trümmern des Habsburgerreiches hervorgegangenen „Deutsch-Österreich“. Federführend bei der Errichtung einer republikanischen Ordnung in diesen beiden - wie auch in anderen - Ländern waren Sozialdemokraten, wie Philipp Scheidemann oder Karl Renner. Von diesen hatten sich mittlerweile radikale Kräfte abgespalten, die sich in der Folge zu kommunistischen Bewegungen formierten und eine Revolution nach russischem Vorbild anstrebten.
Um die republikanische Ordnung gegen revolutionäre Aufständische - wie die „Spartakisten“ in Deutschland - zu verteidigen, verbündeten sich führende Sozialdemokraten mit kaiserlichen Generälen, rechten Freikorps und anderen paramilitärischen Verbänden. Der deutsche Reichspräsident Friedrich Ebert ließ zwischen 1919 und 1920 seinen Reichswehrminister Gustav Noske Aufstände in Berlin, München und Bremen blutig niederschlagen. Auch in Österreich musste sich die junge Republik gegen radikale linke Kräfte verteidigen. Der Starreporter Egon Erwin Kisch setzte sich - erfolglos - journalistisch und als Anführer eines bewaffneten Trupps für die Errichtung einer Räterepublik ein.
Nachdem die von Lenin erhoffte Revolution in Westeuropa gescheitert war, schwand auch der Einfluss der Sozialdemokraten zusehends. Rechte, bürgerliche, reaktionäre oder autoritäre Regierungen kamen in vielen europäischen Ländern ans Ruder. Dazu erstarkten rechtsradikale Bewegungen wie der Faschismus in Italien, der Nationalsozialismus in Deutschland, die Falange in Spanien oder die Heimwehr in Österreich. In der Alpenrepublik gipfelte die Auseinandersetzung zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen 1934 in einem Bürgerkrieg und der Errichtung eines klerikal-faschistischen Ständestaates.
Die nunmehr vor allem in Sozialdemokraten bzw. Sozialisten und Kommunisten gespaltene Arbeiterbewegung konnte dem Aufstieg faschistischer Strömungen immer weniger entgegensetzen. In Deutschland gab die stärkste kommunistische Partei außerhalb der Sowjetunion, die KPD, die Parole aus: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“. Zudem wurde die abstruse These vom „Sozialfaschismus“ auf Anweisung von Sowjetdiktator Josef Stalin in die Welt gesetzt. Demnach war die Sozialdemokratie angeblich der „linke Flügel des Faschismus“. 1931 unterstützte die KPD gemeinsam mit der NSDAP den Sturz der sozialdemokratischen Regierung Preußens.
Erst 1935 - zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland - wurde die Sozialfaschismusthese von den Kommunisten verworfen und stattdessen eine „Volksfront“ gegen den Faschismus propagiert - aber da war es schon zu spät.