1918/2018 - Ein Amerikaner versetzte Europas Ordnung den Todesstoß
Washington/Wien (APA) - Es war ein Amerikaner, der die alte europäische Ordnung auf den Müllhaufen der Geschichte beförderte. Am 8. Jänner 1...
Washington/Wien (APA) - Es war ein Amerikaner, der die alte europäische Ordnung auf den Müllhaufen der Geschichte beförderte. Am 8. Jänner 1918 stellte US-Präsident Woodrow Wilson in einer Botschaft an den Senat ein 14-Punkte-Programm vor, das einen Friedensschluss im Ersten Weltkrieg ermöglichen sollte. Tatsächlich war es der Todesstoß für die alten Mächte, die noch vor Jahresende untergehen sollten.
Wilson war davon überzeugt, dass die autoritären Monarchien und Vielvölkerstaaten durch ein auf nationaler Selbstbestimmung, Rechtsstaat und Volksherrschaft beruhendes System des „Weltfriedens“ ersetzt werden sollten. Der oft für seinen Idealismus gescholtene Demokrat wünschte sich nichts weniger als eine Welt, in der „jede friedliebende Nation, so wie unsere eigene, ihr eigenes Leben und ihre Institutionen bestimmen“ könne und sicher vor unfairer Behandlung und Gewalt sei.
Entsprechend forderte Wilson etwa eine umfassende Autonomie für die Völker Österreich-Ungarns. Doch während sich die Habsburger angesichts der sich abzeichnenden Niederlage verhandlungsbereit zeigten, sahen insbesondere die Tschechen das Wilson-Programm als Aufforderung, mit ganzer Kraft die volle Unabhängigkeit anzustreben.
So vereinbarten Vertreter von Exil-Tschechen und Exil-Slowaken unter Führung von Tomas Garrigue Masaryk am 30. Mai 1918 in Pittsburgh die Gründung eines tschechoslowakischen Staates. Dieser sollte dann am 28. Oktober 1918, noch vor der Kapitulation Österreich-Ungarns gegen die Alliierten, Realität werden. Kaiser Karl I. hatte am 16. Oktober 1918 noch einen verzweifelten Versuch unternommen, mit seinem „Völkermanifest“ die Monarchie zusammenzuhalten.
Allerdings hatte er dafür nicht einmal mehr die Unterstützung des deutschen „Staatsvolks“. Bereits am 21. Oktober 1918 traten nämlich die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten zu einer „Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich“ zusammen, neun Tage später proklamierten sie einen eigenen Staat, am 12. November folgte nach der Abdankung des Kaisers die Ausrufung der Republik.
Die slowenischen, kroatischen und serbischen Gebiete sagten sich am 29. Oktober von Wien los, am 1. Dezember erfolgte die Vereinigung mit dem Königreich Serbien zum „SHS-Königreich“. Am selben Tag schloss sich das bis dahin ungarisch regierte Siebenbürgen sowie weitere Gebiete im Osten Ungarns Rumänien an, das damit zu „Großrumänien“ wurde.
Polen kehrte am Tag der deutschen Kapitulation, dem 11. November 1918, auf die europäische Landkarte zurück. Nach 123 Jahren der Teilung zwischen Preußen, Österreich und Russland übernahm General Jozef Pilsudski die Macht in Warschau, doch sollte es noch mehrere Jahre dauern, bis die Grenzen Polens feststanden.
Aus den Trümmern des russischen Zarenreiches entstanden im Jahr 1918 die baltischen Staaten, die ihre Existenz vor allem auch dem Deutschen Reich verdanken. Dieses stellte sich nämlich der Roten Armee entgegen. Die Unabhängigkeitserklärung von Litauen und Estland im Februar 1918 ist auch im Kontext der deutschen Druckausübung auf die neuen Sowjetmachthaber zu sehen, die dann im März 1918 einem verheerenden Separatfrieden in Brest-Litowsk zustimmen mussten. Als Schöpfung der Mittelmächte kann auch die kurzlebige Ukrainische Volksrepublik gesehen werden, die im Jänner 1918 mit deutscher Rückendeckung entstand - später aber zwischen Polen und Sowjetrussland aufgeteilt wurde.
Quer durch den Kontinent setzte sich damals das Recht des Stärkeren gegen Wilsons Selbstbestimmungsmaxime durch. Italien besetzte das deutschsprachige Südtirol und das zu großen Teilen slawisch besiedelte östliche Adria-Küstenland, weil ihm diese Gebiete von der Entente im Jahr 1915 im Londoner Vertrag versprochen worden waren. Frankreich bekam nicht nur Elsass-Lothringen zurück, sondern besetzte auch das Saargebiet. Den Sudetendeutschen wurde die nationale Selbstbestimmung verweigert, Deutsch-Österreich der Anschluss an das Deutsche Reich. Nur in vergleichsweise kleinem Rahmen (Südkärnten und Schleswig 1920 sowie Ödenburg 1921) konnten die Bürger über ihre Staatszugehörigkeit entscheiden.
Wilsons Programm bereitete auch den Briten Kopfzerbrechen. Die Iren hatten sich zwar über die mangelnde Unterstützung der US-Regierung in ihrem Unabhängigkeitskampf beklagt, doch waren Wilsons 14 Punkte Wasser auf ihre Mühlen. So musste das geschwächte Empire Irland im Jahr 1920 ziehen lassen.
Das Jahr 1918 ließ zwar die Vielvölkerreiche verschwinden, doch die neue Ordnung war äußerst instabil und unfertig. Die zahlreichen offenen Rechnungen zwischen den europäischen Völkern führten dazu, dass schon zwei Jahrzehnte später wieder zu den Waffen gegriffen wurde. Den Anfang machte im Jahr 1935 die Volksabstimmung zur Angliederung des Saargebiets an Deutschland, die den Expansionsplänen von NS-Diktator Adolf Hitler einen massiven Schub versetzte. Es folgten der „Anschluss“ Österreichs und die Zerschlagung der Tschechoslowakei im Jahr 1938 sowie der Überfall Deutschlands auf Polen, der im Jahr 1939 den Zweiten Weltkrieg auslöste. Wieder brauchte es Millionen Tote, damit die Karten auf dem Kontinent neu gemischt werden konnten.