1918/2018 - Experte: Untergang der Monarchie war nicht unausweichlich

Wien (APA) - Der Zerfall der Donaumonarchie jährt sich 2018 zum 100. Mal. Österreich-Ungarn ging im Ersten Weltkrieg unter, doch unausweichl...

Wien (APA) - Der Zerfall der Donaumonarchie jährt sich 2018 zum 100. Mal. Österreich-Ungarn ging im Ersten Weltkrieg unter, doch unausweichlich war dies nicht. Die Westmächte hätten „zur bewussten Zerschlagung der Monarchie beigetragen“, kritisiert der Historiker Arnold Suppan im APA-Gespräch. Im Jahr 1914 seien „alle Kennzahlen eindeutig positiv“ gewesen, nach dem Krieg folgte ein „Monarchie-Bashing“.

„Das Wirtschaftsgebiet der Monarchie hat sehr gut funktioniert“, erläutert Suppan. Es sei ein großer Arbeitsmarkt gewesen, in dem sich die Bürger frei bewegen konnten. Nach dem Ersten Weltkrieg hätten die neu entstandenen Staaten Zollgrenzen gezogen, die noch „bis vorgestern“ existiert hätten. „Da sehen wir, was durch den Ersten Weltkrieg passiert ist, und dass es auch anders hätte laufen können.“

Die Geschichtsschreibung zur Donaumonarchie sei lange Zeit einer „Propaganda“ aufgesessen, kritisiert Suppan. Man habe nur Zeitungsberichte und Parlamentsdebatten ausgewertet statt Statistiken zu studieren. „Daraus sind völlig falsche Bilder und Perzeptionen entstanden.“ Auch das Kriegsgeschehen sei falsch wiedergegeben worden, sagt Suppan unter Verweis auf Berichte über Massendesertionen tschechischer Soldaten. In Wirklichkeit hätten die Tschechen „brav Kriegsdienst geleistet“.

Nach dem Krieg sei die Donaumonarchie bewusst in ein negatives Licht gerückt worden. Als Beispiel führt Suppan den damaligen Wien-Korrespondenten der Londoner „Times“, Henry Wickham Steed, an, der noch im Jahr 1913 ein positives Bild von der Monarchie gezeichnet habe. In seinen vier Jahrzehnte später erschienenen Memoiren habe er dann angegeben, vor dem Ersten Weltkrieg „einen morbiden Staat verlassen“ zu haben.

„Je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr muss ich den Westmächten vorhalten, dass sie nicht nur eine Gräuelpropaganda betrieben haben, sondern zur bewussten Zerschlagung der Monarchie beigetragen haben“, kritisiert Suppan. Der „Groschen gefallen“ sei diesbezüglich Ende Mai 1918, nach dem Bittgang des österreichischen Kaisers Karl I. zum deutschen Kaiser Wilhelm II. In der Sixtus-Affäre um Geheimverhandlungen mit Frankreich blamiert, hatte Karl nämlich einer Militär- und Wirtschaftsunion mit Berlin zustimmen müssen. Für die Westmächte sei damit klar gewesen, dass Österreich-Ungarn an das Deutsche Reich „gekettet“ sei. Nur wenige Tage nach dem Canossa-Gang Karls ins deutsche Armee-Hauptquartier im belgischen Spa hätten sie beschlossen, „Österreich-Ungarn als Imperium auszuschalten“.

Das größte Problem der Monarchie waren die Ungleichgewichte zwischen der österreichischen und ungarischen Reichshälfte. Während im österreichischen Teil alle Männer über 24 Jahren wahlberechtigt gewesen seien, waren es im ungarischen nur 25 Prozent. Die Nationalitätenprobleme in der österreichischen Reichshälfte seien hingegen vor einer Lösung gestanden, und zwar im Sinne einer nationalen Differenzierung. Für Böhmen sei ein Modell geplant gewesen, wie es etwa in Südtirol oder Katalonien existiere. „Das wäre schon weitergegangen“, sagt Suppan mit Blick auf den böhmischen Ausgleich.

„Allerdings hätten den verantwortlichen Herren klar sein müssen: Einen Großkrieg können wir uns nicht leisten“, so Suppan mit Blick auf die Juli-Krise 1914. Die Reaktion Österreich-Ungarns auf das Attentat von Sarajevo sei „sicher überzogen“ gewesen. Kaiser Franz Joseph I. und die Spitzenvertreter von Politik und Militär „hätten wissen müssen, dass ein militärisches Vorgehen gegen Serbien einen großen Krieg auslösen kann und höchstwahrscheinlich auslösen wird“.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)