1918/2018 - Slowenen gedenken ihrer untergegangenen ersten Staaten
Ljubljana (APA) - Irgendwie feiert auch Slowenien kommendes Jahr seinen 100. Geburtstag, und das gleich zwei Mal. Am 29. Oktober 1918 spalte...
Ljubljana (APA) - Irgendwie feiert auch Slowenien kommendes Jahr seinen 100. Geburtstag, und das gleich zwei Mal. Am 29. Oktober 1918 spalteten sich die südslawischen Gebiete des Kaiserreiches als „Staat der Slowenen, Kroaten und Serben“ von Wien ab. Am 1. Dezember gründeten sie mit Serbien das Königreich SHS. Für Historiker sind diese beiden Daten wichtige Meilensteine auf dem Weg zum unabhängigen Slowenien.
Schließlich galten die Slowenen als besonders treue Untertanen des Habsburger-Reiches und hatten bis zuletzt nicht vor, die Monarchie zu verlassen. „Durch eine Verkettung von Umständen rückte die Frage der Vereinigung außerhalb der Monarchie immer mehr in den Vordergrund, was schließlich zu Entstehung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen führte“, erläutert der Historiker Andrej Rahten im Gespräch mit der APA.
Ursprünglich wollten die Slowenen nur mehr Autonomie innerhalb der Monarchie. Im Mai 1917 verlangten die südslawischen Abgeordneten im Reichsrat die Forderung, alle von Slowenen, Kroaten und Serben besiedelten Gebiete innerhalb der Monarchie zu vereinigen. Die Unfähigkeit Wiens, den Vielvölkerstaat zusammenzuhalten, und internationale Umstände führten dazu, dass die Eigenstaatlichkeit zur Option wurde. Die Entscheidung dafür sei „Stück für Stück gereift“, betont der frühere slowenische Botschafter in Wien.
Rahten betont, dass die slowenischen Politiker noch im Sommer 1918 der Monarchie gegenüber mehrheitlich loyal gewesen seien. Jahrzehntelang hätten sie geglaubt, dass österreichischer Patriotismus und jugoslawische Ideologie mit dem Habsburger Rahmen vereinbar sei, doch in der Endphase des Krieges war es damit vorbei.
„Majestät, es ist zu spät.“ Mit diesen Worten soll sich der damals führende slowenische Politiker Anton Korosec nach eigener Aussage im Oktober 1918 von Kaiser Karl I. verabschiedet haben. Das Völkermanifest vom 16. Oktober 1918, Karls letzter Versuch zur Rettung der Monarchie, „kam zu spät und bot nicht genug an“, schreibt Rahten in einem Buch zum Thema.
Am 29. Oktober 1918 verkündeten die südslawischen Gebiete der österreichischen Reichshälfte den „Staat der Slowenen, Kroaten und Serben“ (SHS-Staat), mit den Slowenen als führendem Staatsvolk. „Der selbstproklamierte Staat hatte keine große Zukunft vor sich“, sagte Rahten zur APA. Die Historiker sind sich einig, dass es in den damaligen innen- und außenpolitischen Verhältnissen kaum Chancen gab, damit sich dieser Staat hätte halten können.
Trotzdem sehen viele Historiker in der Proklamation des SHS-Staates einen entscheidenden Moment in der slowenischen Geschichte. Das slowenische Volk habe damit erstmals bewiesen, dass es fähig sei, einen eigenen Staat zu gründen, hieß es.
Der neue südslawische Staat existierte nur 33 Tage, bevor er sich am 1. Dezember 1918 mit dem Königreich Serbien zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Königreich SHS) zusammenschloss. Die Slowenen kamen „nach einem jahrhundertelangen Dasein unter der Habsburgerkrone unter die Königsfamilie Karadjordjevic, von Mitteleuropa auf den Balkan“, betont Rahten.
Die Slowenen erhofften sich vom Zusammenschluss mit der Siegermacht Serbien einen Vorteil bei der Neuordnung Europas nach dem Krieg. Doch die Hoffnung, sich in den Friedensverhandlungen besser gegen Italien behaupten zu können, wurde enttäuscht: Für das slowenische Volk fiel die Grenzziehung ungünstig aus. „Serbien hatte seinen Status gut nützen können, wenn es um seine eigenen Grenzen ging, weniger oder gar nicht erfolgreich war man hingegen bei der Festlegung der Grenzen mit Italien und Österreich.“
Der Traum von einer Vereinigung aller Slowenen in einem Staat war geplatzt: Mehr als ein Drittel der Slowenen blieb außerhalb des neuen Staates, das zuvor in der Monarchie „vereinte“ Volk war auf vier Staaten aufgeteilt. Die mehrheitlich slowenische Küstenregion, einschließlich des Triestiner Hinterlandes und Görz‘ fiel an Italien, das mehrheitlich slowenische Südkärnten fiel nach einer Volksabstimmung an Österreich. Die östlichste Region Prekmurje, die zuvor zu Ungarn gehörte, wurde immerhin Jugoslawien angeschlossen.
Auch das Zusammenleben im „gewünschten Land“ entwickelte sich nicht wie erwartet. Als kleinste der drei staatsbildenden Nationen konnten die Slowenen den zentralistischen Tendenzen Serbiens nur wenig entgegensetzen. Die politische Autonomie innerhalb Jugoslawiens wurde sukzessive beschnitten. Schon 1921 wurde eine zentralistische Verfassung beschlossen, 1929 eine Königsdiktatur errichtet, das Land in Königreich Jugoslawien umbenannt.
Die meisten slowenischen Historiker sehen den Übergang von den Habsburgern zur Karadjordjevic-Dynastie trotzdem eher positiv. Schließlich waren die Slowenen nicht mehr nur Minderheit, sondern erstmals Staatsvolk, was das nationale Bewusstsein stärkte. Außerdem habe sich Slowenien kulturell und wirtschaftlich stärker entfalten können als in der Monarchie.
Rahten teilt die Ansicht nicht, dass erst der neue jugoslawische Staat einen kulturellen Aufschwung der Slowenen ermöglicht haben soll: „Schon in der Monarchie waren die Slowenen zu einem Kulturvolk gereift“, verweist er auf die Größen der slowenischen Literatur, France Preseren und Ivan Cankar, die unter anderem auch in Wien wirkten. Auch sei die Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung Sloweniens schon in der Monarchie gelegt worden. Im neuen Staat sei dieses dann deutlich entwickelter gewesen als in Serbien und Montenegro.
Offizielle Gedenkfeiern zum 100er des SHS-Staates wird es laut Auskunft der slowenischen Regierung keine geben. Allerdings plant die Akademie der Wissenschaften (SAZU) ein zweitägiges Symposium Ende Oktober, in slowenischen Museen sind Sonderausstellungen geplant.