1918/2018 - Polen erhielten Staat zurück - Bedrohungstrauma blieb

Warschau (APA) - Woanders werden würdevolle Reden gehalten, Kränze niedergelegt oder Militärparaden abgenommen. In Polen kracht es am Nation...

Warschau (APA) - Woanders werden würdevolle Reden gehalten, Kränze niedergelegt oder Militärparaden abgenommen. In Polen kracht es am Nationalfeiertag, dem 11. November, regelmäßig. Zum 100. Jahrestag der Wiedererrichtung Polens wird es 2018 wohl wieder Ausschreitungen von Nationalisten geben. Denn der polnische Nationalstolz speist sich vor allem aus einem Trauma, dem der ewigen Bedrohung durch die Nachbarn.

Geschürt wird diese Stimmung auch von der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die seit 2015 wieder an der Macht ist. Russland gilt seit jeher als eine Art „Erzfeind“, von Deutschland fordert PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski immer vehementer Kriegsreparationen, und kürzlich ist sogar ein Geschichtskonflikt mit der Ukraine ausgebrochen, als deren großer Fürsprecher in der EU sich Warschau bisher eigentlich sah.

All diese Konflikte lassen sich auch mit dem Jahr 1918 in Verbindung bringen. Am Tag der Kapitulation des Deutschen Reiches, dem 11. November 1918, ergriff General Jozef Pilsudski in Warschau die Macht, die deutschen Besatzer wurden vertrieben. Damit endete eine 123 Jahre lange Periode, in der das große slawische Volk zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und Russland geteilt gewesen war. Doch gelöst war die „polnische Frage“ damit noch lange nicht, musste sich der junge Staat doch noch sein Staatsgebiet erkämpfen. So lässt sich erklären, dass der 11. November für viele Polen ein „Kampftag“ und kein ausgelassener Familienfeiertag ist.

Staatsgründer Pilsudski war ein Symbol für die Zerrissenheit des polnischen Volkes. Im russisch besetzten Teil Polens geboren, stellte er sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 in den Dienst Österreich-Ungarns, weil er sich von einem Sieg der Mittelmächte eine Wiedererrichtung Polens erhoffte. Das Regentschaftskönigreich Polen, das im November 1916 im eroberten russischen Teil entstand, war ein erster Schritt dorthin. Pilsudski weigerte sich aber, den Mittelmächten den Treueeid zu schwören, und wurde im Juli 1917 inhaftiert. Längst hatte sich nämlich das Blatt auf den Schlachtfeldern gedreht. Während die Mittelmächte in den Seilen hingen, versprachen die Alliierten den Polen die Unabhängigkeit. Im Jänner 1918 legte sich US-Präsident Woodrow Wilson in seinem 14-Punkte-Programm auf ein unabhängiges Polen fest.

Während Österreich zu Zugeständnissen an die polnische Nationalbewegung bereit war, lehnte Kaiser Wilhelm II. dies bis zuletzt ab. Doch als im Oktober 1918 der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden im Reichstag erklärte, Deutschland werde das Wilson-Programm annehmen, ging plötzlich alles ganz schnell. Am 10. November kehrte der aus der Festungshaft entlassene Pilsudski zurück nach Warschau, einen Tag später übergab ihm der Regentschaftsrat die Staatsgewalt. Polen war wieder ein unabhängiger Staat.

Doch der polnische Unabhängigkeitskampf ging damit erst richtig los. Der Wunsch einer Wiedererrichtung Polens in den Grenzen vor der ersten Teilung im Jahr 1772 kollidierte nämlich mit den Plänen der Nachbarn. So entflammten bereits Anfang November 1918 polnisch-ukrainische Kämpfe um Ostgalizien. Am 27. Dezember brach in Posen (Poznan) ein Aufstand gegen die deutschen Behörden aus, der innerhalb von zwei Wochen die ganze Provinz in polnische Hände brachte.

Im April 1919 nahm Pilsudski die historische Hauptstadt Litauens, Wilna (Vilnius), ein. Mit der neugegründeten Tschechoslowakei geriet Warschau in Streit um das Teschener Gebiet im Süden. Der blutige Kampf mit Deutschland um Oberschlesien endete erst im Oktober 1921 mit einer Aufteilung.

Der Konflikt mit Sowjetrussland brachte Polen in Lebensgefahr, als die Rote Armee im August 1920 bis vor Warschau vorstieß. Der damalige Krieg festigte das polnische Nationalbewusstsein, wie der Historiker Andrzej Chwalba im APA-Gespräch berichtete. Obwohl das Land wegen des Ersten Weltkriegs ausgelaugt war, meldeten sich 100.000 Freiwillige für den Abwehrkampf gegen Sowjetrussland. Polen behauptete sich, doch hinterließ der Krieg materielle Verluste, „die größer waren als nach dem Zweiten Weltkrieg“, so Chwalba. Ein Faktum, das heute völlig vergessen ist.

Als Ende 1921 die polnischen Grenzen infolge der Pariser Friedenskonferenz international abgesichert waren, lag Polen mit all seinen Nachbarn im Streit. Von der Weimarer Republik wurde es als ein „Saisonstaat“ beschimpft, von der Sowjetunion als ein verhasster Klassenfeindstaat abgelehnt und von Prag als eine undemokratische Diktatur kritisiert. Litauen weigerte sich wegen der Wilna-Frage sogar, bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs diplomatische Beziehungen zu Warschau aufzunehmen. Im Zweiten Weltkrieg verlor Polen erneut seine Freiheit, nach der Niederlage Hitler-Deutschlands wurde es zum kommunistischen Satellitenstaat, der auch seine östlichen Gebiete an Litauen und die Ukraine abgeben musste.

Zwar wurden nach der Wende die Beziehungen zu den Nachbarländern normalisiert, doch fühlen sich viele Polen immer noch von der Geschichte übervorteilt. Bezeichnenderweise starten die Kundgebungen zum Unabhängigkeitstag am 11. November traditionell vor dem Warschauer Kulturpalast, einem Symbol kommunistischer Unterdrückung. Seit dem EU-Beitritt rückt immer stärker die Europäische Union, die jüngst im Streit um die Justizreform sogar ein Sanktionsverfahren gegen Warschau angedroht hat, als neues Gesicht der „Fremdherrschaft“ in den Fokus.

In Vergessenheit gerät dabei, dass die polnische Unabhängigkeit zunächst ein Elitenprojekt gewesen war. „Vor allem die Eliten träumten von einem polnischen Staat, aber kaum einer hielt das in einer kurzfristigen Perspektive für möglich“, betont der Historiker Chwalba. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatte sich ein großer Teil der Bevölkerung nicht für die nationale Idee interessiert.

Das galt vor allem auch für den polnischen Teil Österreich-Ungarns, in dem es große nationale Autonomie gab. „Kaiser Franz Joseph erfreute sich auch bei polnischen Familien großer Achtung“, sagte der Professor. Anders sei die Stimmung im deutschen Teil gewesen, wo eine aggressive Germanisierungs-Politik die Polen gegen den Staat eingenommen habe. „Aber allgemein beschäftigten sich die Menschen mehr mit dem, was vor ihrer Haustüre geschah, als mit der großen Politik“, so der Historiker. Es war erst der Krieg, in dem Polen als Soldaten von drei verschiedenen Armeen aufeinander schießen mussten, der ein Umdenken einleitete. Der Krieg „kam einem Schnellkurs in Sachen nationaler Identität gleich“.