1918/2018 - Ukraine feiert einen vergessenen 100. Geburtstag

Kiew (APA) - Auch die Ukraine feiert kommendes Jahr ihren 100er. Am 22. Jänner 1918 rief das linkslastige Parlament in Kiew die Unabhängigke...

Kiew (APA) - Auch die Ukraine feiert kommendes Jahr ihren 100er. Am 22. Jänner 1918 rief das linkslastige Parlament in Kiew die Unabhängigkeit der „Ukrainischen Volksrepublik“ von Russland aus, das nach der Oktoberrevolution militärisch am Boden lag. Das von den Mittelmächten gezielt zur Schwächung Russlands unterstützte Gebilde existierte nicht lange.

Der Kiewer Historiker Igor Giritsch erachtet diese „Ukrainische Revolution“ dennoch als wichtigstes Ereignis des 20. Jahrhunderts für die Ukraine. Die Petrograder Ereignisse von 1917, die Abdankung des Zaren und das Formieren einer Übergangsregierung, die schließlich von Lenins Bolschewiken verjagt wurde, hatten zwangsläufig auch Auswirkungen im von Ukrainern besiedelten Teil des Zarenreiches.

Als Reaktion auf die Oktoberrevolution rief die ukrainische Zentralrada, eine von linken ukrainischen Parteien dominierte Vertretungskörperschaft am 7. November 1917 (20. November nach dem im Westen verwendeten gregorianischen Kalender, Anm.) die „Ukrainische Volksrepublik“ (UNR) als autonomen Teil Russlands aus.

Nachdem sich die Gegensätze zwischen Petrograd und Kiew jedoch verschärften und sich Sowjetrussland und die Ukrainische Volksrepublik seit Dezember 1917 im Krieg befanden, erklärte die Zentralrada am 9. Jänner 1918 (22. Jänner nach dem gregorianischen Kalender, Anm.) die Republik für völlig unabhängig.

Kiew wurde in Folge von Lenins Bolschewiken erobert, anschließend mit Hilfe von deutschen und österreichischen Truppen zurückerobert, die die Machtübernahme des rechtslastigen Hetman Pawlo Skoropadskyj unterstützten. Letzterer wurde Ende 1918 von Symon Petljura weggeputscht, der selbst 1920 von den Bolschewiken vertrieben wurde. Die Ukraine war schließlich als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR) zwischen 1922 und 1991 Teil der Sowjetunion.

Nachdem die „Ukrainische Volksrepublik“ insbesondere in der sowjetischen Zeit eher als Episode im „Russischen Bürgerkrieg“ dargestellt worden war, gewinnt sie in der aktuellen Ukraine merklich an geschichtspolitischer Bedeutung. Derzeit beschäftigt sich etwa eine Ausstellung im Parlamentsgebäude in Kiew mit den Proklamationen dieser ersten Autonomie und Eigenstaatlichkeit.

Der Historiker Igor Giritsch, der als führender Experte für die ukrainische Nationalgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts gilt, erachtet die Ereignisse von 1917 und 1918 gar als wichtigstes Ereignis für die Ukraine im 20. Jahrhundert. „Aus heutiger Sicht handelt es sich bei diesem ukrainischen Staatsgebilde um den Ausgangspunkt für alle weiteren Entwicklungen in den folgenden hundert Jahren“, erklärte der Historiker vom Institut für Quellenforschung der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften im Gespräch mit der APA.

Da die Bevölkerung in Ermangelung nationaler Bildungseinrichtungen und auch das westliche Ausland damals nicht für einen ukrainischen Staat bereit gewesen sei, habe die Ukraine militärisch verloren, referierte Giritsch. Sie habe aber in ideeller Hinsicht gewonnen, erklärte er. „Als Folge des dreijährigen Kriegs mit der Ukrainischen Volksrepublik sahen sich die Bolschewiken gezwungen, sich auf eine Ukrainisierung einzulassen und ukrainische Schulen einzurichten, die es vor 1917 nicht gegeben hatte“, betonte er. Auch der Zerfall der Sowjetunion wäre nicht möglich gewesen, wenn sich die Ukraine damals nicht an die „Ukrainische Revolution“ von 1917/1918 erinnert hätte.

1991 seien zudem Vertreter einer symbolischen ukrainischen Exilregierung nach Kiew gekommen und hätten ihre Macht an diese neue ukrainische Regierung übergeben, erinnerte der Historiker. Nunmehr gebe es aber auch Parlamentarier, die nicht mehr von der Ausrufung der ukrainischen Eigenstaatlichkeit 1991 reden, sondern von der Wiederherstellung der Eigenstaatlichkeit von 1918. „Wir reden auch nicht mehr vom Sieg der Oktoberrevolution in der Ukraine, sondern von der Besetzung des Landes durch das bolschewistische Russland“, sagte der Historiker, der dem nationalen Lager zuzurechnen ist.

Für den Jahrestag der Ausrufung einer unabhängigen „Ukrainischen Volksrepublik“ im Jänner 2018 erwartet Giritsch einen Auftritt des Präsidenten, eine festliche Versammlung und auch Veranstaltungen in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, das sich heute bisweilen als Nachfolger der damaligen Zentralrada auffasse.

(Alternative Schreibweisen Ihor Hyrytsch)