1918/2018 - Furcht vor Russland prägt Selbstdarstellung der Balten

Moskau (APA) - Die baltischen Staaten feiern kommendes Jahr ihren 100. Geburtstag. Geprägt ist die Selbstdarstellung von Estland, Lettland u...

Moskau (APA) - Die baltischen Staaten feiern kommendes Jahr ihren 100. Geburtstag. Geprägt ist die Selbstdarstellung von Estland, Lettland und Litauen weiterhin von der historischen Furcht vor Russland. Dabei existiert die von den baltischen Regierungen heraufbeschworene militärische Bedrohung - zumindest derzeit - nicht, wie die Experten Gerhard Mangott und Karsten Brüggemann im APA-Gespräch betonen.

„Es gibt keine Angriffspläne Moskaus im Baltikum“, lässt der Innsbrucker Osteuropa-Experte Gerhard Mangott zu Beginn des Gesprächs keinen Zweifel aufkommen. Zwar sei die Furcht der Balten aufgrund der historischen Erfahrungen verständlich, heutzutage habe Russland im Baltikum aber keine vitalen Interessen mehr. Die Situation im Baltikum sei mit jener in der Ukraine nicht vergleichbar.

Ähnlich sieht es auch der an der Universität in Tallinn lehrende Historiker Karsten Brüggemann. Zumindest unter dem derzeitigen russischen Präsidenten Wladimir Putin sei die Gefahr einer militärischen Intervention Russlands im Baltikum nicht gegeben. Putin würde kein NATO-Mitglied angreifen, ist sich der Historiker sicher. Der russische Präsident sei insgesamt ein „einigermaßen realistischer“ Politiker. Deswegen könne sich der Westen sogar fast wünschen, dass Putin die Zügel in Moskau möglichst lange in der Hand hält.

Mangott glaubt, dass osteuropäische Regierungen die tief verwurzelte Angst vor den Russen jeweils für ihre politischen Zwecke nutzbar machen. Je mehr die Bedrohung hochgeredet werde, desto mehr Kapital könne man daraus schlagen. Als ein Beispiel nennt er die im Zuge der Ukraine-Krise verstärkte Präsenz der NATO im Baltikum.

Die baltischen Staaten hatten sich davor jahrelang vergeblich um mehr westliche Militärpräsenz bemüht. Die NATO hatte von Estland, Lettland und Litauen umgekehrt den mittelfristigen Aufbau von eigenen, leistungsfähigen Luftwaffen gefordert - ebenso vergeblich.

Ein weiteres Beispiel ist laut Mangott die baltische Minderheiten-Politik. Lediglich Litauen habe bis heute die latenten ethnischen Konflikte wirklich bewältigt. Dieses tue sich viel leichter, weil seine Minderheiten wesentlich kleiner seien als jene in den beiden nördlichen Schwesterrepubliken, fügte der Politikwissenschafter hinzu.

Die durchwegs rechten Regierungen im Baltikum versuchten bei ihren Wählern das Misstrauen gegenüber den Russischsprachigen auszunützen. Letztere seien aber keine Fünfte Kolonne. „Man versucht, alles links der Mitte zu diskreditieren und bestimmte Emotionen zu schüren. Das hilft nicht zur Integration der russischen Bevölkerung, kritisierte Mangott.

Zwar versuche Russland auf vielfältige Weise, die öffentliche Meinung und das Wahlverhalten in den baltischen Republiken sowie auch anderswo im Westen zu manipulieren. Mangott gibt aber auch zu bedenken, dass sich der Westen umgekehrt genauso in die Politik im Osten einmischt: „Das geht schon in beide Richtungen.“

Die Selbstdarstellung der baltischen Republiken im Rahmen ihrer Unabhängigkeitsfeierlichkeiten kann laut Historiker Brüggemann auch in diesem Licht gesehen werden. Die Kommerzialisierung der Jubiläen etwa nehme mitunter seltsame Formen an. Das reiche bis hin zu einfachen Konsumartikeln, die nun in den Nationalfarben verpackt seien. „Keine Bierdose, keine Schokolade, deren Genuss nicht plötzlich eine patriotische Tat ist“, bringt es Brüggemann auf den Punkt. „Wobei ich mir einrede, da eine Spur der sprichwörtlichen Selbstironie der Esten zu erkennen“, fügt er hinzu.

(Die Gespräche führte Andreas Stangl/APA)