Unabhängigkeit Kataloniens - Der Tod Spaniens?
Barcelona (APA) - Für einen Großteil der ausländischen Touristen war und ist Katalonien ein untrennbarer Teil Spaniens. Doch nicht erst seit...
Barcelona (APA) - Für einen Großteil der ausländischen Touristen war und ist Katalonien ein untrennbarer Teil Spaniens. Doch nicht erst seit den vergangenen Jahren strebt die heute autonome Region nach Unabhängigkeit.
Am 21. Dezember sind schicksalhafte Regionalwahlen, die das Gesicht Spaniens und vielleicht auch Europas entscheidend verändern könnten. Die Separatisten haben gute Chancen, wieder als Sieger aus dem Urnengang hervorzugehen.
„Katalonien ist nicht einfach eine spanische Region. Das war es nie. Es hatte schon im zehnten Jahrhundert eigene Landesfürsten und Institutionen. Was wir heute als Spanien kennen, war bis ins 18. Jahrhundert nur ein Zusammenschluss verschiedener Nationen, deren einzige Gemeinsamkeit der König und die Religion waren.“
Das schrieb der katalanische Anthropologe und Schriftsteller Albert Sanchez Pinol kürzlich in einem Gastbeitrag für die „SZ“. Sein Roman „Victus“ (auf Deutsch „Der Untergang Barcelonas“) über den Krieg von 1714 war in Spanien eines der meistverkauften Bücher des Jahres 2013.
Die Einheit Spaniens sei mithilfe militärischen Terrors erzwungen worden, so Sanchez. In Folge der Niederlage der Habsburger im Spanischen Erbfolgekrieg gegen die französischen Bourbonen fiel am 11. September 1714, nach einem langen und verheerenden Krieg, Barcelona den kastilischen Truppen in die Hände. „Die Katalanen haben die neue Herrschaft nie akzeptiert“, meint Sanchez.
Spanien habe alles Katalanische immer „wie einen Tumor“ betrachtet. Auch im 21. Jahrhundert seien alle katalanischen Bitten abgewiesen worden, obwohl sie von einer breiten Bevölkerungsmehrheit unterstützt worden seien. Seit 2010 gingen an jedem 11. September, der „Diada“, mehr als eine Million Katalanen auf die Straße, um für eine unabhängige Republik zu demonstrieren - und das bei einer Bevölkerung von sieben Millionen.
„Die Regierung in Madrid stellt uns als nationalistische Trottel dar. In Wahrheit ist es umgekehrt“, klagt Sanchez. Der Bruch zwischen Madrid und Katalonien sei nicht mehr zu kitten. „Spanien ist tot. Nicht die Separatisten haben es umgebracht, sondern seine eigenen Eliten. Seine politische Arroganz, seine moralische, geistige, emotionale Inflexibilität.“
Diese Sichtweise wird jedoch auch von vielen Katalanen nicht geteilt. Sie sehen sich weiter als Teil des Königreichs mit seinen 17 autonomen Regionen. Eine Loslösung Kataloniens könnte womöglich wie in einer Kettenregion einen Zerfall Spaniens auslösen und auch dramatische Auswirkungen auf Europa haben.
Rund 2.000 Unternehmen haben ihren Sitz aus Katalonien in andere Regionen verlegt. Viele fürchten die Errichtung neuer Grenzen, sollte die wohlhabende spanische Region tatsächlich unabhängig werden und damit aus der EU ausscheiden.
Gleichwohl ist der andauernde Streit um die Unabhängigkeit auf lange Sicht schädlich, nicht nur für Spanien. Die Katalanen haben ihre eigene Sprache und eigene Traditionen, viele schreiben sich eine eigene Mentalität zu. Zahlreiche Beobachter sind sich einig, dass eine einvernehmliche Lösung mit Madrid gefunden werden muss - etwa in Form eines gesamtspanischen Verfassungsreferendums und einer weiteren Volksabstimmung über das Statut Kataloniens, wie auch der Publizist Ramon Lobo meint.
Katalonien, nicht viel größer als Belgien, beherbergt eine Vielfalt an Landschaften und Besonderheiten, von der Costa Brava am Mittelmeer bis zum Hochgebirge. Von der einzigartigen Metropole Barcelona mit seiner besonders von Antoni Gaudi geprägten modernistischen Architektur bis zu kleinen Dörfern in den Pyrenäen.
Ausdruck der katalanischen Lebensweise sind auch die waghalsigen Castells („Burgen‘), Menschenpyramiden, die traditionell bei zahlreichen Festen errichtet werden. Der komplizierte Volkstanz Sardana gilt gleichsam als ein Symbol katalanischer Einheit und katalanischen Stolzes, bei dem „das Herz tanzt, der Kopf rechnet“, wie es der Schriftsteller und Katalonien-Kenner Michael Ebmeyer ausdrückt.
Wie sich die Zukunft Kataloniens und Spaniens gestalten wird, lässt sich derzeit kaum voraussagen. Sicher scheint nur, dass sich etwas ändern muss und dass die Identität der Katalanen stärker als bisher in Europa wahrgenommen werden wird.