“Eine bretonische Liebe“

Überraschungen auf dem Minenfeld des Lebens

© Polyfilm

Carine Tardieu serviert in ihrer Verwechslungskomödie „Eine bretonische Liebe“ zu Austern und Chablis provinzielle Eigenheiten.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Mit einem DNA-Test hat schon so manche Katastrophe begonnen. Erwan Gourmelon (François Damiens) hat nach dem Krebstod seiner Frau auf eine Laufbahn als Bombenentschärfer auf den internationalen Kriegsschauplätzen verzichtet, um seiner Tochter Juliette (Alice de Lencquesaing) eine Geborgenheit zu vermitteln, die nur eine Familie bieten kann. Trotzdem, die Schwangerschaft Juliettes betrachtet er als persönliches Versagen, denn die Sozialarbeiterin will im Fasching betrunken neben Zorro aufgewacht sein. Nähere Angaben zum möglichen Vater ihres Kindes kann sie nicht machen. Um dem Kind nach der Geburt Komplikationen zu ersparen, empfiehlt der Arzt wegen einer bei den Gourmelons kursierenden Erbkrankheit einen DNA-Test, der den Großvater Bastien (Guy Marchand) erfreulicherweise als letzten Träger dieses Defekts ausweist. Die positive Lesart deutet auf einen Triumph der Evolution hin, doch die zusätzlichen Daten schneiden schmerzhaft mit einem Austernmesser in die genetische Linie: Erwan ist ein Kuckuckskind.

Die Nachricht lässt den Boden unter Erwans Füßen beben, aber es sind nur die gelegentlichen Explosionen auf den Baustellen, die er nach Minenfeldern aus den Weltkriegen und vergessenen Waffenlagern der Résistance untersucht. Mit diesem Bild – das Leben als Minenfeld – sieht die Metaphorik in Carine Tardieus drittem Spielfilm „Eine bretonische Liebe“ nach den ersten Szenen wie das Ergebnis eines Drehbuchseminars über aktuelle Formen der Komödie aus. Tatsächlich stehen die beteiligten Autoren (Michele Leclerc, Raphaële Moussafir und Baya Kasmi) hinter den größeren Komödienerfolgen des französischen Kinos der vergangenen Jahre, die auf das Schrullige und provinzielle Eigenheiten setzen. Daher sind die Wendungen in dieser Verwechslungskomödie nicht überraschend, doch Carine Tardieu hat ein Ensemble engagiert, das mit Guy Marchand die Eleganz des Kinos von François Truffaut mit den Verschrobenheiten eines Aki Kaurismäki über André Wilms („Le Havre“) verknüpft. Mit den belgischen Stars Cécile de France und François Damiens kommt die Leichtigkeit ins Spiel.

Erwan beauftragt eine Detektivin (Brigitte Roüan) mit der diskreten Erforschung seiner Familiengeschichte. Sie findet Joseph Levkine (André Wilms), der sich verschwommen an eine Nacht erinnern kann, in der ihn der Alkohol zu Grenzüberschreitungen verführt haben könnte. Zu diesem Geständnis lassen sich Erwan und Joseph Austern mit Chablis servieren. In Josephs Haus leeren sie noch eine Flasche Calvados, schließlich gilt es, 40 Jahre einer Vater-Sohn-Beziehung nachzuholen. Und plötzlich steht Anna (Cécile de France), mit der sich der Minenräumer ein neues Leben ausmalen wollte, im Zimmer, um als Ärztin nach ihrem Vater zu sehen. Hier könnte ein offenes Wort nicht schaden, doch die aus den 50er-Jahren stammenden Regeln der Verwechslungskomödie verlangen nach Verschweigen der Verhältnisse, das gesellschaftliche Tabu muss bis zum letzten Lacher ausgepresst werden. Wie François Damiens, nicht gerade der Prototyp des romantischen Liebhabers, diese erotische Durststrecke meistert, ist bewundernswert.