So schafft Tirol mehr Platz
Der Bevölkerungszuwachs – 30.000 Einwohner zusätzlich in Innsbruck bis 2025, um 100.000 mehr in ganz Tirol bis 2080 – verändert das Wohnen: weniger Einfamilienhäuser, mehr am Land, viel teilen.
Von Matthias Christler
Innsbruck –Alle Bücherregale müssen raus, weil ohnehin jeder seinen Lieblingsautor digital gespeichert hat. Wieder ein paar Quadratmeter in der Wohnung freigeräumt. So könnte es theoretisch funktionieren. Wirklich kreativ ist das nicht, um des Bevölkerungszuwachses im ohnehin von Platzproblemen geplagten Tirol Herr zu werden. „Das Bauland ist durch Berge begrenzt, die Hänge sind teuer zu bebauen, also wird im Talboden verdichtet“, beschreibt Maria Schneider, Professorin am Institut für Städtebau und Raumplanung der Uni Innsbruck, die Situation, dass Dörfer zusammenwachsen. Die Architektin bezeichnet das Inntal als „Stadtlandschaft Tirol“. Und bis 2080 steigt die Einwohnerzahl laut Statistik Austria von aktuell 746.000 auf fast 850.000 Menschen – um 100.000 Einwohner mehr.
Wohin mit all den Menschen? Es muss Platz geschaffen werden. Drei Ansätze, wie das funktionieren könnte – vom großen Ganzen bis zum Kleinen daheim.
Regionen stärken: Bis 2025 werden 30.000 Menschen zusätzlich in Innsbruck leben, das Raumordnungskonzept sieht 8000 neue Wohnungen vor. Die Stadt ist attraktiv, das Land kann es aber genauso sein. „Zum Beispiel das Defereggental, das sich zur Seniorendestination entwickelt hat. Ein Laden im Ort ist ja nett, aber es braucht mehr städtische Infrastruktur“, spricht Schneider davon, Energie in die Regionen zu stecken. „Man kann alles umsetzen, was man bisher in der Stadtentwicklung gelernt hat.“ Sie meint die Öffis, Carsharing-Angebote und Wertschöpfung vor Ort. Sogar Landwirtschaft werde wieder zum Thema, wenn sich „Hobby-Bauern“ zusammenschließen. Die Regionen könnten nahezu autark funktionieren. „Das würde die Stadt entlasten und die Regionen stärken.“
Um den Jungen das Leben am Land bzw. in den Tälern schmackhaft zu machen, geht es oft um Details – wie das Internet. Christiane Varga vom Wiener Zukunftsinstitut bestätigt das. „Ein funktionierendes, schnelles Internet muss absolut eine Voraussetzung sein“, sagt die Forscherin mit dem Schwerpunkt „New Living“ und spricht Initiativen wie zukunftsorte.at an, wo sich Gemeinden wie etwa Kals am Großglockner als modern und digital präsentieren.
Dichter bauen, mit Weitblick: Egal ob im Stadtgebiet oder am Land, der Traum vom eigenen Einfamilienhaus wird für viele Tiroler ein Traum bleiben. „Die strengen Bauverordnungen wollen sich viele nicht mehr antun“, glaubt Varga. Auch Schneider ist sich sicher: „Verdichtet wohnen ist die Zukunft, das heißt auch, dass Einfamilienhäuser passé sind und mehr Siedlungshäuser entstehen.“ Gut zu sehen in Innsbruck-Arzl, wo viele Einfamilienhäuser weichen und Bauträger Gebäude mit mehreren Wohnungen errichten. Bei der Gestaltung müsse man kreativ werden, so dass es sich nicht wie in einem Wohnblock anfühle und die Blickrichtung in die Natur erhalten bleibe, meint die Architektin dazu. Bei Hochhäusern im Zentrum sieht sie Mailand als Vorbild, wo Fassaden, Höfe und Dächer mit Pflanzen und Bäumen begrünt werden.
Doch nicht nur Einfamilienhäuser, auch Autos sind im öffentlichen Raum wahre Platzfresser. Schneider ließ für die Innstraße in Innsbruck ihre Studenten überlegen, „wie es aussehen könnte, wenn man den Autoverkehr, das Parken reduziert. Ein Parkhaus am Eingang dieser Zone wäre denkbar, die Straße wird zur Begegnungszone, es gibt mehr Raum zum Leben“.
Entrümpeln und teilen: Zurück zum Bücherregal, von dem sich die meisten nicht trennen wollen. „Verständlich“, sagt Zukunftsforscherin Varga, „weil wir uns nicht nur im digitalen Raum aufhalten. Dinge zum Angreifen gewinnen wieder an Wert.“ Trotzdem sieht sie die Konsumgesellschaft an einem Höhepunkt angelangt, an dem jeder „viel Krempel angesammelt hat. Das ist Platzverschwendung“. Entrümpeln heißt das Zauberwort, von der Konsumgesellschaft zur „Share Economy“, der Gesellschaft, die teilt. „Überspitzt gefragt, warum muss ich einen Hammer oder ein Snowboard besitzen, wenn ich es nur einmal im Jahr brauche? Teilen ist sinnvoller und das funktioniert mit Dingen und mit Räumen“, sagt Varga. Das bedeutet für eine Wohnsiedlung zum Beispiel, dass eine Werkstatt für alle eingerichtet wird, dass nicht jeder seine eigene Terrasse haben muss, sondern sich die Bewohner aller Wohnungen eine teilen und auch andere Gemeinschaftsflächen entstehen. „Es wird nicht so kommen, dass man wie in einer WG das Bad zusammen benutzt, aber man wird mehr zusammenleben.“
Bis 2080, wenn 100.000 Menschen zusätzlich in Tirol leben, ist zwar noch Zeit, aber man kann sich schon jetzt langsam für die Zukunft einrichten.