#metoo Klassik 2: Heimische Institutionen für Thema sensibilisiert
Wien (APA) - Im österreichischen Musikleben sind bisher keine Vorwürfe öffentlich geworden, eine APA-Rundfrage bei Klassikinstitutionen zu i...
Wien (APA) - Im österreichischen Musikleben sind bisher keine Vorwürfe öffentlich geworden, eine APA-Rundfrage bei Klassikinstitutionen zu ihrem Umgang mit dem Thema ergab ebenfalls nur einige wenige konkrete Fälle - dafür aber eine klare neue Sensibilisierung.
Von Betriebsräten, Orchestersprechern oder Abendspielleitern bis zu spezifischen Gleichbehandlungsbeauftragten oder sogar externen Beratungsfirmen sind in den meisten Häusern und Betrieben Ansprechpartner für Betroffene definiert. Bei den Salzburger Festspielen ist es gar Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler, die in einem Statement ihre Gewissheit zum Ausdruck bringt, dass sich Mitarbeiter und Künstler aufgrund der familiären Verhältnisse „vertrauensvoll an mich wenden würden, wenn sie unter dem sexuellen Fehlverhalten anderer litten“. Sie habe auch in ihrer politischen Vergangenheit bewiesen, dass sie das „nicht für ein Kavaliersdelikt halte“. Auch wenn den Festspielen weder im eigenen Betrieb noch in anderen Institutionen solche Fälle bekannt seien, „wäre es vermutlich naiv zu glauben, dass nichts derartiges passiert ist“, so das Statement.
An der Wiener Staatsoper ist für alle Bereiche - also auch Ballett, Staatsopernchor und Orchester - schon seit 2005 eine Gleichbehandlungsbeauftragte samt Stellvertreterin im Einsatz. Seither habe es einen einzigen Vorfall gegeben, und zwar von „verbaler Belästigung, welcher zwischen den Betroffenen (...) gütlich geregelt werden konnte“, heißt es in einer Stellungnahme des Opernhauses. Auch in der Volksoper sind zwei Gleichbehandlungsbeauftragte angestellt, auf deren Verfügbarkeit sowie die Option einer unabhängigen psychologischen Beratung man im Zuge der aktuellen Debatte nochmals ausdrücklich in der internen Kommunikation hingewiesen habe. In den Jahren seit der Ausgliederung habe es zwei Beschwerden gegeben „die sehr ernst genommen wurden und auch entsprechende Konsequenzen nach sich gezogen haben“.
Die Vereinigten Bühnen Wien, die mit Stagione-Betrieb im Opernbereich über kein angestelltes Ensemble verfügen, vermelden in Oper sowie Musical „bis dato keine Fälle“. Das Thema sei allerdings präsent und den Mitarbeitern stünde eine kostenfreie Konsultation mit einer unabhängigen Beratungsstelle offen. Externe Psychologen und Coaches stehen anonym und kostenlos auch den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Grazer Oper zur Verfügung.
„Im Theaterbetrieb entstehen durch die inszenierte Darstellung von extremen Lebenssituationen in manchmal überzeichneten Kostümen und unter oft hoher emotionaler Beteiligung der Künstler immer wieder Situationen, die Möglichkeiten zu sexueller Belästigung bieten können“, erkennt man dort in einer Stellungnahme des Personalverantwortlichen an. Im Zuge einer Mitarbeiterbefragung in den Jahren 2012-2014 hatte man in Graz auch unerwünschte sexuelle Anspielungen dokumentiert. Daraufhin habe es eine Klarstellung gegeben „dass Belästiger mit Nulltoleranz und disziplinären Konsequenzen zu rechnen haben“ und habe gleichzeitig „verschiedene Möglichkeiten für Betroffene geschaffen, sich persönlich oder anonym zu äußern“.
Weniger klare Strukturen sind in Ensembles wie Orchestern oder Chören zu finden - und das könnte sich ändern. Bei den Wiener Symphonikern etwa spielte das Thema bisher „keine Rolle“, man diskutiere aber derzeit, ob man ein Mitglied des Betriebsrates oder des Orchestervorstands als spezielle Ansprechperson für Beschwerden zu sexueller Belästigung benennen solle. „Keine Vorkommnisse“ vermeldet auch der Wiener Singverein, keine Antwort kam vom Arnold Schoenberg Chor sowie von zahlreichen angefragten Orchestern.
Zugleich muss jedem, der die prominenten und weniger prominenten Fälle sexuellen Fehlverhaltens in den vergangenen Monaten verfolgt hat, klar sein, dass einer Kultur des Schweigens oder der immanenten Komplizenschaft auch durch erhöhte Sensibilisierung nicht leicht beizukommen ist. „Der einzige Grund, weshalb ich das schreiben kann, sogar, ohne einen einzigen meiner Täter zu nennen, ist, dass ich nicht mehr im Geschäft bin“, so US-Sänger Dan Kempson in seinem Erfahrungsbericht. „Wir alle kennen jemanden, der sich beschwert hat, und nie wieder engagiert wurde.“
Das Missverhältnis zwischen dem Ausmaß bisher offiziell dokumentierter Fälle und der Fülle von Geschichten, die man in der Szene vom Hörensagen kennt, ist nur einer von vielen Hinweisen, dass auch in der Klassik - und auch hierzulande - eine Welle des Aussprechens und Aufhorchens gerade erst ins Rollen gekommen ist.