Gesundheit

Nierenspende von einem Samariter

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Nierenlebendspenden kommen im Vergleich zu Spenden von Verstorbenen in Österreich relativ selten vor. Dennoch gibt es Menschen, die ihr Organ fremden Menschen völlig uneigennützig zur Verfügung stellen.

Von Nicole Strozzi

Innsbruck –Der Brief, der kürzlich in der Redaktion eintraf, erweckte unser Interesse. Absender war Henk Bastiaans, evangelischer Pfarrer aus den Niederlanden und Lebendnieren-Samariter-Spender, also jemand, der bereit war, noch während seines Lebens anonym und selbstlos einem Fremden eine seiner beiden Nieren zu spenden. Bastiaans wollte mit seinem Schreiben darauf aufmerksam machen, dass es viel zu wenig geeignete Spendernieren gibt. „Die Niere eines Lebenden ist von viel besserer Qualität als die Niere eines Verstorbenen. Die Qualität der Organe verschlechtert sich nach dem Eintritt des Todes“, schreibt der Pfarrer. Außerdem sei die Warteliste für eine Spenderniere riesenlang.

In den Niederlanden kamen laut Transplant-Register 2016 auf eine Million Einwohner 30,4 Lebendspender, in Österreich ist man mit 7,2 Spender­n pro Million Einwohner zurückhaltender. Das kann auch daran liegen, dass man hierzulande relativ gut mit Spenden von Verstorbenen versorgt ist.

„2016 wurden in Innsbruck 119 Nierentransplantationen durchgeführt, 17 davon waren Lebendspenden“, vergleicht Gert Mayer, Nephrologe und Direktor der Innsbrucker Uniklinik für Innere Medizin VI. Eine Lebendspende könne von Blutsverwandten, von Bekannten, Ehepartnern oder Freunden oder von einem „Samariter-Spender“ wie Bastiaans kommen – einer Person, die uneigennützig in einen Pool spendet und keine Ahnung hat, an wen das Organ geht. „Im Prinzip ist in Österreich eine altruistische Spende möglich, man kann sie Eurotransplant (Vermittlungsstelle von Organspenden, Anm.) anbieten“, sagt Mayer. Aber: „In meiner Laufbahn ist das bisher noch nie passiert.“ Man müsse schon eine eigene Persönlichkeit haben, um diesen Schritt zu gehen. Die Triebfeder müsse in solchen Fällen gut überprüft werden. Es dürfe kein psychologisches Problem hinter der Bereitwilligkeit stecken. Es gibt aber durchaus Menschen, die freiwillig Gutes für die Allgemeinheit tun wollen, zum Beispiel, weil das eigene Kind akut eine Leber gebraucht und auch bekommen hat und man nun aus Dankbarkeit dem System etwas zurückgeben möchte.

Jeder Spender, egal, wer das ist, muss bestimmte medizinische Kriterien erfüllen, kompatibel und gesund sein. Das dient sowohl zum Schutz des Empfängers, der ein gutes Organ erhalten sollte, als auch zum Schutz des Spenders. Man könne, so Mayer, das Risiko nie ganz auf null halten, aber Nierentransplantationen seien mittlerweile Routine und das operative wie das Langzeitrisiko für den Spender minimal.

Organspende

791 Personen warteten in Österreich am 1. 1. 2017 auf ein Organ, davon 587 auf eine Niere.

Lebendspende: In Österreich wird bei Lebendspenden fast ausschließlich eine der beiden Nieren übertragen, seltener Teile der Leber. Möglich, aber sehr selten ist auch die Entnahme von Teilen der Lunge und des Dünndarms.

Laut Transplantregister 2016 kamen in Österreich auf eine Million Einwohner 41,5 Nieren von toten Spendern und 7,2 von Lebenden. Die Türkei und die Niederlande haben die höchste Anzahl an Lebendnierenspendern.

Nichtlebendspende: Die Zuteilung der Organe von Nichtlebendspenden läuft über Eurotransplant. Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Deutschland, Österreich (mit Südtirol und Trient), Slowenien und Kroatien sind Mitglieder der Vermittlungsstelle mit Sitz in Leiden (NL).

In Österreich gilt die Widerspruchsregelung. Das heißt, jeder Verstorbene kommt als Spender in Frage, außer er spricht sich zu Lebzeiten mündlich dagegen aus.

Neben den medizinischen Tests werden psychologische Gespräche geführt, um die Motivation der Spende zu hinterfragen. Bei Blutsverwandten ist dies leichter nachvollziehbar, je entfernter die Beziehung, desto schwieriger wird es. Es darf kein Druck auf den Spender gemacht werden, die Freiwilligkeit muss gegeben sein. „Wir wollen nicht, dass ein finanzielles Motiv hinter der Spende steckt“, betont der Nierenspezialist.

Dass Lebendspenden Vorteile und eine bessere Qualität als Leichenspenden aufweisen, damit hat Henk Bastiaans übrigens Recht. Der Tod schadet dem Organ. „Außerdem kann eine Transplantation einer Leichenspende nicht wie bei einer Lebendspende geplant werden“, betont Stephan Eschertzhuber, Transplantationsreferent für Westösterreich und Anästhesist der Uniklinik Innsbruck.

Eine Leichenspende wird über Eurotransplant vermittelt, das kann auch um 3 Uhr in der Früh passieren. Da bleibt oft wenig Zeit zur Vorbereitung der Operation. „Es kann sein, dass das Organ zuerst durch halb Europa reist, bis es zum Spender gelangt. Dann müssen wir den Empfänger in die Klinik holen, ihn untersuchen und darauf hoffen, dass er infektfrei und fit für die OP ist“, erklärt Eschertzhuber. Bei einer Leichenspende wird die entnommene Niere bis zu 24 Stunden außerhalb des Körpers konserviert. Bei der Lebendspende vergehen maximal zwei Stunden, bis das Organ beim Empfänger implantiert wird. Natürlich spielt auch das (meist höhere) Alter der verstorbenen Spender eine Rolle, dieses liegt im Schnitt bei 55 Jahren.

Die Lebendspende ist also nach wie vor das Nonplus­ultra, nicht zuletzt, weil sich der Patient Wartezeiten und damit eine Dialyse erspart. Und trotzdem ist sie ein ganz sensibles Thema. „Fragt man Patienten, ob es Lebendspender gibt, kommen ganz unterschiedliche Antworten“, erzählt Mayer. Manche haben sogar mehrere Personen zur Auswahl, andere wollen diesen Schritt niemandem zumuten und wieder andere wissen nicht, wie sie das Gespräch mit der Familie beginnen sollen.

„Keinen Lebendspender zu haben, heißt aber nicht, dass es sich um keine intakte Familie handelt“, betont der Arzt. Viele Überlegungen sind nötig: Was, wenn beide Elternteile ausfallen und Kinder da sind? Was, wenn es Nierenkrankheiten in der Familie gibt und keiner weiß, ob später die eigenen Kinder betroffen sind? Spende ich jetzt dem Ehemann oder dann den Kindern? Ein heikles Thema, über das diskutiert werden soll. Ob es in Zukunft vermehrt selbstlose Spender wie Bastiaans geben wird, ist eine andere Frage.