Katalonien zwischen Zwangsverwaltung, Frustration und Politikverdruss

Barcelona (APA) - Wahlplakate hängen überall in Barcelona. Wer jedoch kurz vor den katalanischen Regionalwahlen vom Donnerstag durch die Str...

Barcelona (APA) - Wahlplakate hängen überall in Barcelona. Wer jedoch kurz vor den katalanischen Regionalwahlen vom Donnerstag durch die Straßen der Mittelmeermetropole spaziert, wird sich unweigerlich fragen, wo all die Unabhängigkeitsflaggen geblieben sind, die noch im September und Oktober die Balkone der meisten Häuser schmückten.

Auch die Massendemos, Straßenbarrikaden und Streiks, welche noch vor Monaten in Barcelona wöchentlich stattfanden, stehen kaum noch auf der Tagesordnung. Nach der gescheiterten Ausrufung der Unabhängigkeit am 27. Oktober, der Absetzung der separatistischen Regionalregierung durch Madrid und die Unterstellung der gesamten Region unter Zwangsverwaltung scheint sich eine gewisse Frustration in der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung breitgemacht zu haben.

„Das stimmt. Die anfängliche Euphorie über die Ausrufung der katalanischen Republik schlug bei vielen von uns in eine gewisse Lethargie und Niedergeschlagenheit um, nachdem schnell klar wurde, dass die Unabhängigkeit nicht realisierbar ist“, gibt sogar Agusti Alcoberro, Vorsitzender der separatistischen Bürgerbewegung ANC, im Gespräch mit der APA zu.

„Doch dieses Gefühl der Frustration ist mit der Repression der spanischen Zentralregierung und der Inhaftierung unserer Volksvertreter schnell in Empörung umgeschlagen, welche uns wieder animiert, auf den Straßen für unser Recht auf Selbstbestimmung zu kämpfen“, versichert Alcoberro. Es stimmt: Überall in der Stadt sieht man Menschen, welche die gelben Schleifen als Solidaritätsbekundung mit den „politischen Gefangenen“ an ihren Jacken tragen. Aber abgesehen von zwei Massendemos in Barcelona und einer in Brüssel am 7. Dezember ist wenig passiert.

„Seit der Inkraftsetzung des Artikel 155 und der Zwangsverwaltung Kataloniens machen die Unabhängigkeitsbefürworter eine schwierige Übergangsphase von der Offensive zur Defensive durch“, bestätigt auch der deutsche Politologe Klaus-Jürgen Nagel von der Pompeu Fabra Universität in Barcelona. Die Unabhängigkeitsbefürworter konzentrieren sich derzeit mehr auf die Verteidigung der katalanischen Institutionen, wollen die Finanzhoheit und politische Kontrolle zurückbekommen und ihre Häftlinge freibekommen, so der Katalonien-Experte.

Bei vielen, die aktiv am Unabhängigkeitsreferendum mitwirkten, herrsche auch immer noch eine gewisse Verunsicherungen, ob sie noch von der spanischen Justiz zur Rechenschaft gezogen werden und hielten sich deshalb zurück. Nagel spricht von Firmen, die Material fürs Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober bereitstellten, Angestellten der abgesetzten Regionalregierung und auch Bürgeraktivisten.

Kein Tag vergeht, ohne dass Kataloniens Unabhängigkeitsparteien nicht auf Artikel 155 Bezug nehmen. Die katalanischen Auslandsvertretungen wurden geschlossen, die bereits aufgebauten eigenstaatlichen Strukturen wurden zerschlagen. Im Alltag der Katalanen ist von der Zwangsverwaltung hingegen wenig zu spüren. Keine streikenden Beamten, keine Anweisungen aus Madrid. „Minimale Intervention in der Verwaltung“ lautete auch die aus Madrid ausgegeben Devise.

Teresia Nickl ist hingegen glücklich darüber, dass die Anspannung und die Mobilmachung der Menschen auf den Straßen endlich abgenommen haben. Die Grazerin arbeitet seit über zehn Jahren als Fremdenführerin in Barcelona. Die Polizeigewalt, mit welcher das Unabhängigkeitsreferendum unterbunden wurde, die Massendemos, die Inhaftierung von Politikern, die ständig über Barcelona fliegenden Polizeihubschrauber hätten die Stimmung und den Alltag enorm beeinflusst. „Die Emotionen schaukelten sehr hoch, die soziale wie politische Anspannung war unerträglich“, so Nickl. Sie spricht vom Wunsch vieler Katalanen, dass Katalonien endlich wieder zur Normalität zurückfindet. Nicht wenige Katalanen, auch Befürworter der Unabhängigkeit, seien die jahrelange politische Schlammschlacht, welche die Katalanen in zwei Lager spaltete, leid.

Ein Ende des sozialen Konflikts sieht sie aber nicht. Auch nach den Wahlen nicht. Vor allem das Erwachen der sogenannten „schweigenden Mehrheit“, die gegen die Unabhängigkeit ist, führe derzeit zu einem offeneren verbalen Schlagabtausch zwischen Gegner und Befürwortern der Unabhängigkeit. Es sei immer noch nicht möglich, mit Freunden oder Verwandten nicht permanent über das Thema Unabhängigkeit sprechen, diskutieren und streiten zu müssen. Gespannt wird sie den Urnengang am Donnerstag verfolgen.