Der Sohn aus Papier
Ein Abend im Zeichen von Erich Kästner: Der Autor als kolossaler Freund mit zerrissener Seele, der in Mayrhofen einen lebensrettenden Bluff inszenierte.
Von Christiane Fasching
Innsbruck –Für Hans Albrecht Löhr ist es Liebe auf den ersten Blick, als er 1929 Erich Kästners Roman „Emil und die Detektive“ in die Finger bekommt. Der Berliner Jung’ ist hin und weg vom „schönsten Buch, das er je gelesen hat“ und dem er die Prädikate „kolossal“ und „knorkig“ verleiht. Und zwar in einem von Rechtschreibfehlern gespickten Fanbrief, den der vaterlose Bub an Kästners Verlag schickt, der die infantile Lobeshymne geschickt für Werbezwecke zu verwenden weiß. So einen enthusiastischen „Sohn aus Papier“ – wie Kästner seinen jungen Verehrer tauft – müssen andere Autoren erst erfinden, doch Hans Albrecht Löhr gab es wirklich. Genauso wie seine tragisch-schöne Freundschaft zu Erich Kästner, der Regisseur Wolfgang Murnberger in seinem berührenden Film „Kästner und der kleine Dienstag“ (Drehbuch: Dorothee Schön) nachforscht.
Florian David Fitz spielt dabei den Kinderhelden wider Willen, der in den 1920er-Jahren mit seinen politischen Gedichten zum Star des Feuilletons avanciert – die Geschichte von Emil Tischbein und seinen mutigen Freunden schreibt er mehr aus einer Laune heraus. Und reagiert auf seinen Status als Liebling der jungen Leserschaft vielleicht auch deshalb zunächst launisch. Doch Hans Albrecht Löhr (Nico Ramon Kleemann), der eines Tages mit verstrubbeltem Haar vor seiner Tür steht und ihn um einen Gastbeitrag für die Schülerzeitung bittet, erwärmt Kästners Herz: Als „Emil und die Detektive“ 1931 – nach dem Drehbuch von Billy Wilder – verfilmt wird, übernimmt der Bub die Rolle des kleinen Dienstag. Doch auch nach Ende der Dreharbeiten bleiben der Autor und sein glühender Fan freundschaftlich miteinander verbunden. Erst als die Nazis die Macht übernehmen und Kästner Zeuge wird, wie seine eigenen Bücher verbrannt werden, tauchen erste Risse auf.
Der jugendliche Löhr will nämlich nicht verstehen, dass Pazifist Kästner dem Regime nicht den Rücken kehrt. Er selbst hat keine Wahl: Als „Primaner in Uniform“ muss er an die Front ziehen, wo er – wie das Gros der Kinderdarsteller aus „Emil und die Detektive“ – sein Leben lassen muss. Während sich Murnbergers Film auf diese kolossale Freundschaft mit tragischem Ausgang konzentriert, wagt das anschließende Doku-Drama „Erich Kästner: Das andere Ich“ einen spannenden Blick auf die zerrissene Seelenwelt des Schriftstellers, der bis zu seinem Tod im Juli 1974 damit haderte, in der Nazi-Zeit nicht ins Exil gegangen zu sein. Kästners großer Kriegsroman, den er als kritischer Beobachter zu Papier bringen wollte, blieb überdies ungeschrieben – geblieben sind seine Tagebuchnotizen aus dem letzten Kriegsjahr, die er 1961 in „Notabene 45“ veröffentlicht hat.
Darin vermerkt ist auch Kästners filmreife Flucht nach Mayrhofen, wo er sich 1945 in der „Pension Steiner“ einquartierte, um aus der Schusslinie des bombardierten Berlin zu kommen. Kästner, der 1942 unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch zu „Münchhausen“ geschrieben hatte, gab damals vor, für Dreharbeiten nach Tirol gereist zu sein. Doch der Film „Das verlorene Gesicht“ war nur ein schlau ausgeklügeltes Phantasma, wie folgender Tagebucheintrag zeigt.
„Die Kamera surrte, die Silberblenden glänzten, der Regisseur befahl, die Schauspieler agierten, der Aufnahmeleiter tummelte sich, der Friseur überpuderte die Schminkgesichter, und die Dorfjugend staunte. Wie erstaunt wären sie gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass die Filmkassette der Kamera leer war! Rohfilm ist kostbar. Bluff genügt“, erinnerte sich Kästner später.
Die „Pension Steiner“ gibt es noch heute. Und Chefin Elisabeth Tipotsch bestätigt der TT, dass Kästner dereinst im Gästebuch stand. Das weiß sie aus den Erzählungen ihrer mittlerweile verstorbenen Schwiegermutter Viktoria Tipotsch, die den prominenten Gast damals bewirtete. Und den lebensrettenden Bluff aus der zweiten Reihe beobachtete.