Musik

Erler Wintersfestspiele ganz im Zeichen von Johannes Brahms

Gustav Kuhn.
© Tom Benz

Nicht nur die diesjährigen Erler Winterfestspiele feiern die Musik von Johannes Brahms. Zahlreiche Neuerscheinungen vermitteln ein vertieftes Brahms-Bild.

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Er liebt sie, „dies­e unverwechselbare Sprache“, und will ihn wieder, den „ganz eigenen Klangduktus“: Nach den Sprachen Beethovens, Wagners, Tschaikowskys usw. bereitet Gustav Kuhn für die kommenden Erler Winterspiele die vier Symphonien von Johannes Brahms vor. Sie werden am Eröffnungsabend (26. Dezember) und im Finale (7. Jänner) das Programm umklammern. 2009, als sich Kuhn noch in seine Beethoven- und eben Brahms-Delirien versenkte, erschien beim Label col legno seine CD-Aufnahme der Symphonien, eingespielt mit dem Haydn Orchester von Bozen und Trient (noch erhältlich). Schlank, nicht zu üppig besetzt wollte er seinen Brahms haben. Jetzt stehen die Aufführungen, beginnend mit den ersten beiden Symphonien, mit dem Erler Festspielorchester bevor. Das Brahms-Programm der Erler Nachwuchsschmiede hatte vergangenen Oktober auf den Winter-Schwerpunkt verwiesen.

Im Fokus: Komponist Johannes Brahms (1833–1897).
© Keystone

Ein Brahms-Monat, denn da begann auch das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck seine Saison mit der Vierten Symphonie, gefolgt vom „Deutschen Requiem“ als Großprojekt des Sängerbundes. Regionale Wellen im Brahms-Strom, der nach längerem ruhigen Fließen generell anschwillt. Zahlreiche Veröffentlichungen bezeugen das, drei herausragende CD-Neuheiten aus diesem Jahr vermitteln sogar ein neues, vertieftes Brahms-Bild.

Das Opus 34 von Johannes Brahms existiert als das bekannte, groß dimensionierte Klavierquintett und in der vorausgegangenen Fassung als Sonate für zwei Klaviere. Der Hessische Rundfunk hat 2015 auf Schloss Fasanerie bei Fulda eine Aufführung beider Fassungen mitgeschnitten. Die CD-Veröffentlichung bei Oehms Classics zeigt auf dem Cover Franz Xaver Winterhalters Gemälde der schönen Prinzessin Anna von Hessen, der die Sonate gewidmet ist. Anna war eine begabte Pianistin und bewunderte Johannes Brahms, den ihr die Freundin, die Pianistin Clara Schumann, vorgestellt hatte. Brahms war damals 31 und noch wenig bekannt, Anna drei Jahre jünger. Von der Sonate bekam sie nicht genug, Johannes und Clara mussten sie ihr wiederholt vorspielen. Als Dank für die Widmung kaufte Anna für Brahms das Autograph von Mozarts großer g-Moll-Symphonie. Die Geschichte der Sonate wird von Rainer von Hessen, Urenkel Prinzessin Annas, im Booklet erzählt.

Die Interpretation der Sonate durch das Duo d’Accord ist fulminant. Da rauscht kein kompakter, neutraler Brahms vorbei. Lucia Huang und Sebastian Euler zeigen die Spannung in der Stimmverflechtung auf und entwirren diese gleichzeitig durch feinste dynamische Abstufungen und Klangdifferenzierung. Auch im mitreißenden Scherzo bestätigt sich ihre überlegene manuelle Klasse. Das Duo Huang/Euler wird international für sein exzellentes Zusammenspiel, die nuancierte Balance und hochmusikalische Detailarbeit gefeiert. Beide haben jeweils eine Klavierklasse am Tiroler Landeskonservatorium. In der zum Vergleich willkommenen Klavierquintettfassung mit dem vorzüglichen Hába Quartett spielt Lucia Huang die Klavierstimme.

Eine Überraschung liefert Arcadi Volodos. Der als circensischer Tastentiger wahrgenommene Russe zeigt auf seiner neuen Sony-CD unerwarteten Tiefgang: feinste Anschlagsnuancen und Schattierungen, singenden Klang, Transparenz und eine Zärtlichkeit, die zeigt, wie nah ihm Brahms’ Musik geht. Drucklos, weich und frei von Manierismen spielt er die Klavierstücke op. 76 Nr. 1–4, die Intermezzi op. 117 Nr. 1–3 und die Klavierstücke op. 118 Nr. 1–6. Brahms, faszinierend verfeinert.

Ebenfalls neu beleuchtet ist bei Sony der von Johannes Brahms in den 1860er-Jahren komponierte Liederzyklus „Die schöne Magelone“ mit der Besonderheit gesprochener Zwischentexte. Der Bariton Christian Gerhaher fand die Texte von Ludwig Tieck zu altmodisch und wünschte sich eine neue Fassung von dem Schriftsteller Martin Walser, der dem Auftrag mit behutsamer Umformung nachkam und selbst spricht. Gerhahers Wärme, Feingefühl und typische Mischung aus Natürlichkeit und Intellekt lässt die 15 Gesänge frisch erblühen, Pianist Gerold Huber agiert wie gewohnt zwischen enger Partnerschaft und aufschlussreicher Eigenständigkeit. Walsers Rezitation ist ein Dokument, aber Geschmacksache.

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