Der Amoklauf eines Mannes vom Stammtisch
Dome Karukoskis düstere Altherrenkomödie „Kaffee mit Milch und Stress“ war in Finnland ein Blockbuster.
Innsbruck –Mielensäpahoittaja (Antti Litja) stolpert über die morsche Treppe seines selbst erbauten Hauses und liegt mit gebrochenem Bein vor den Ruinen seines Lebens. Seine Frau Emäntä (Petra Frey) erkennt den alten Mann nicht mehr, andernfalls würde sie wie früher die Flucht ergreifen. Die Familie musste im Winter frieren, weil sich Finnen bei Kälte „mit einem zweiten Paar Socken“ wärmen. Sein älterer Sohn lebt als Atomphysiker in Dänemark, mit besonderer Verachtung denkt er an den jüngeren. Poika (Iikka Forss) hat es nur zum Hausmann gebracht, kümmert sich um drei Kinder, während Miniä (Mari Perankoski) das Geld verdient. Vor die Wahl – Pflegeheim oder Helsinki – gestellt, entscheidet sich Mielensäpahoittaja für das kleinere Übel – auch in der Hoffnung, Fehlentwicklungen in Familie und Gesellschaft reparieren zu können. Aus diesem Vorhaben wird der Amoklauf eines reaktionären Mannes, der mit Erkenntnissen vom Stammtisch („Früher war alles besser!“) der Realität begegnet. Zu seinen Feindbildern gehören Frauen am Steuer, farbiges Personal an der Tankstelle und eben „Weicheier“. Dem Wutbürger steht jedoch immer ein Aufpasser zur Seite, um Entgleisungen zu korrigieren. Außerdem rächt sich die Moderne mit Errungenschaften, denen der alte Mann ratlos gegenübersteht. Neben den ermüdenden sexistischen und politischen Ausfällen ist das Scheitern an den Tücken von Mikrowelle, elektronischen Tür- oder Autoverriegelungen die zweite Schiene der hausbackenen Komik, ganz zu schweigen von kulinarischen Einschränkungen, die mit der politischen Korrektheit die finnischen Haushalte erobert haben, weshalb die Wurst diskret im Rucksack verborgen wird.
„Mielensäpahoittaja“ (Originaltitel) wurde 2014 in Finnland ein Überraschungserfolg, der alle großen Blockbuster aus Hollywood hinter sich ließ und damit die Aufmerksamkeit der US-Produzenten erregte, die seit einigen Jahren jeden skandinavischen Regisseur abwerben, der mit einem überschaubaren Budget ein handwerklich solides Produkt abliefern kann. Der Erfolg hat natürlich auch mit Antti Litja, einem der beliebtesten TV-Stars Finnlands, zu tun, der den Spießer irgendwo zwischen W. C. Fields und Lee Marvin abliefert. Dennoch verdankt sich der späte Österreichstart des Films mit dem unsäglichen Titel „Kaffee mit Milch und Stress“ dem Karrieresprung des Regisseurs. Dome Karukoski hat eben die Kinobiografie „Tolkien“ abgedreht, in der er die Entstehungsgeschichte von „Herr der Ringe“ erzählt – auch eine Art Wutgeschichte. (p. a.)