Metapher und Provisorium: „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater
Wien (APA) - Die Umrisslinien eines großen, schräg Richtung Zuschauer zeigenden Würfels, dessen aus Papier bestehende Rückwand kurz nach Beg...
Wien (APA) - Die Umrisslinien eines großen, schräg Richtung Zuschauer zeigenden Würfels, dessen aus Papier bestehende Rückwand kurz nach Beginn eingerissen wird. Eine ins Nichts führende Stiege. Ein Klavier, eine Küchenzeile. Alles könnte hier spielen, denkt man sich. Oder nichts. Nach 2 1/4 Stunden ist man nicht viel schlauer. „Vor Sonnenaufgang“ herrscht im Akademietheater viel Zwielicht und wenig Klarheit.
Gerhart Hauptmanns 1889 uraufgeführtes „soziales Drama“ zeigte eine durch Kohle wohlhabend gewordene schlesische Bauernfamilie, in der Alkoholismus und Rohheit die Gegenwart bestimmen und anhand der Konfrontation des in die Familie eingeheirateten Schwiegersohns mit einem einstigen Studienfreund die Ideale der Vergangenheit auf den Prüfstand gestellt werden. Sozialkritischer Naturalismus in Reinkultur. „In unserer zunehmend von gesellschaftlicher Unsicherheit, Polarisierung und Isolation geprägten Gegenwart ist Hauptmanns desillusionierender Blick auf Menschen und Verhältnisse erschreckend aktuell - wenn man die historische Distanz überwindet und in seinem Personal die Menschen von heute erkennt“, befand die Burgtheater-Dramaturgie. „Wir sind wie sie, vor Sonnenaufgang, vor dem Abstieg.“
Die Transponierung des Stoffes in die Gegenwart besorgte der österreichische Autor Ewald Palmetshofer im Auftrag des Theaters Basel, wo das Stück vor einem Monat uraufgeführt wurde. Aus dem Hof ist ein florierendes mittelständisches Unternehmen geworden, dessen Junior-Chef Thomas sich am rechtspopulistischen Rand politisch betätigt. Sein Studienkollege Alfred, heute Journalist eines linksgerichteten Magazins, schneit nach zwölf Jahren Funkstille plötzlich bei der Tür herein, um auszukundschaften, warum sich der frühere Freund, mit dem er nicht nur ein kleines Zimmer sondern auch große Ideale geteilt hatte, so verändert hat. Er findet eine Familie am Rande des Chaos und im Moment vor ihrer Vergrößerung vor: Thomas‘ Frau Martha ist hochschwanger, doch hat so sehr Angst vor der Zukunft, dass sie ihr Kind im Mutterleib behalten will.
Obwohl Palmetshofer den Determinismus der Vorlage, in der an die Vererbung von Alkoholismus geglaubt wird, in seine Neufassung wenig schlüssig durch dunkle, schicksalhafte Andeutungen zu integrieren sucht, könnte man sich das Stück als flotte Neoliberalismus-kritische Komödie vorstellen, in der immer wieder der Einbruch des Tragischen den Abgrund andeutet, der alle zu verschlingen droht.
Dusan David Parizek, dem das Akademietheater eine fulminante Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „Die lächerliche Finsternis“ verdankt, hat in seiner Österreichischen Erstaufführung, die am Mittwoch Premiere hatte, leider darauf verzichtet, den Turbo einzuschalten. Der Abend hat etliche Durchhänger und zu wenig Zug zum Tor. Wie seine zu wenig scharf gezeichneten Figuren verstrickt er sich im Dickicht der Andeutungen. Nur wenn Aggressionen explodieren oder die Liebesbedürftigkeit in Lächerlichkeit oder Zudringlichkeit umschlägt, entstehen kurze, bemerkenswerte Momente der Wahrhaftigkeit: Eine Geburtsszene mit Bier, Klavier und viel Männer-Geschrei etwa zählt ebenso zu den Höhepunkten wie die Annäherungen des sexuell ausgehungerten Alfreds an Schwiegermutter und Schwägerin des Freundes.
Markus Meyer (in Glatze und Bademantel) als Thomas und Michael Maertens (im zu engen hellbraunen Pulli) als Alfred sind die Personifizierung des zentralen Konflikts zwischen Pragmatismus und Idealismus. Hier treffen der Zen-Mönch und der traurige Clown aufeinander, der Einluller auf den Aufrüttler, die Metapher auf das Provisorium (wie sie sich selbst bezeichnen). Fabian Krüger als Hausfreund und Arzt darf ein menschgewordenes, dauerdichtendes und gelegentlich klavierspielendes wandelndes Rätsel geben.
Deutlich eindimensionaler, aber hochprozentiger sind Michael Abendroth und Dörte Lyssewski als dem Alkohol zugeneigtes, einander entfremdetes Paar. Stefanie Dvorak als schwangere Martha und Marie-Luise Stockinger als ihre verzweifelt um ihre Zukunft kämpfende jüngere Schwester Helene bieten starke Leistungen in ihrer existenziellen Zerrissenheit. Katja Ebsteins zu Beginn eingespieltem Schlager „Wunder gibt es immer wieder“ folgt schon bald die nüchterne Erkenntnis: „Die Zeit der Wunder ist vorbei“.
„Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf“, sang einst Udo Jürgens. Pragmatismus oder Idealismus? Egal: Das „Vor Sonnenaufgang“-Premierenpublikum jedenfalls, in dem nicht wenige vorübergehend in leichten Dämmerschlaf verfallen waren, zeigte sich am Ende hellwach und spendete lebhaften Applaus. In die Bravorufe mengten sich einzelne Buhs für den Autor.
(S E R V I C E - „Vor Sonnenaufgang“ von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann. Österreichische Erstaufführung, Regie und Bühne: Dusan David Parizek, Kostüme: Kamila Polivkova. Mit Michael Abendroth - Egon Krause, Dörte Lyssewski - Annemarie Krause, Marie-Luise Stockinger - Helene, Stefanie Dvorak - Martha, Markus Meyer - Thomas Hoffmann, Michael Maertens - Alfred Loth, Fabian Krüger - Dr. Peter Schimmelpfennig. Akademietheater. Nächste Aufführungen: 27.12., 4., 18., 20., 30.1., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)