Lichtsucher am Rand eines grauen Morgens
Umjubelte Erstaufführung von Ewald Palmetshofers Adaption von Gerhard Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater.
Von Bernadette Lietzow
Wien –Katja Epsteins „Wunder gibt es immer wieder“ aus 1970 geleitet den Zuschauer mit alarmierender Wunschkonzert-Behaglichkeit mitten hinein ins in der „Agglomeration“, vulgo Speckgürtel, gelegene Eigenheim der Familie Krause. Egon, den Patron der mittelständischen Unternehmerfamilie (Michael Abendroth), der als Einziger den Alkohol-Abusus aus Gerhard Hauptmanns Stück geerbt hat, lernt man bei der Verrichtung seiner Morgennotdurft kennen. Seine Töchter, die hochschwangere Martha (Stefanie Dvorak) und die für einen Besuch aus der Stadt heimgekehrte Helene (Marie-Luise Stockinger), scheinen weniger robust, eingepfercht in ihrer jeweiligen Position in der Hackordnung dieses von der Stiefmutter Annemarie (Dörte Lyssewski) mit eisernem Willen zu bürgerlicher Repräsentation zusammengehaltenen Familienkonstrukts.
Thomas, Marthas Ehemann, Juniorchef mit lokalpolitischen Ambitionen und begabter Surfer auf der neoliberalen Welle, ergänzt diese un-heile Welt, in die sein ehemaliger Studienkollege und Journalist eines explizit linken Magazins Alfred Loth (Michael Maertens) eindringt und das fragile System der Krauses ins Wanken bringt. Die aus Tirol stammende Regisseurin Nora Schlocker hat Ewald Palmetshofers zeitgenössisches Echo auf Hauptmanns Drama „Vor Sonnenaufgang“, das 1889 einen Theaterskandal produziert hatte, im November in Basel äußerst erfolgreich zur Uraufführung gebracht. Die Österreich-Premiere, sowohl Inszenierung als auch Bühne, verantwortete nun am Akademietheater der mehrfach ausgezeichnete Dušan David Parízek, mit im Gepäck, und nicht nur als charmantes Selbstzitat, zwei Overhead-Projektoren, die je nach Gemütszustand der Agierenden große oder kleine Leuchtkegel bilden. Eine Treppe, ein Spielboden-Kubus, eine Küche im Hintergrund und ein biederes Wandklavier, dem die Finger des Arztes Schimmelpfennig (Fabian Krüger) später Boogie-Töne entlocken werden, genügen als Kosmos der Krauses.
In diesem stimmigen Ambiente entfaltet nun, in den Händen eines selten exakt austarierten und das Miteinander feiernden Ensembles, Palmetshofers Text, der Hauptmanns Sozialdrama mit der Frage nach der Bestimmung des Menschen virtuos in ein Heute überträgt, seine Wirkung. Was, auch in einer für den Autor nahezu „simplen“ sprachlichen Form, wie ein stellenweise lustiges, psychologisches Generationendrama anmutet, entpuppt sich erst langsam in seiner vollen, subversiven Größe. Wie an kleinen Widerhaken bleibt man an Unheimlichem, Unaufrichtigkeiten, politisch Verabscheuenswürdigem und Demütigungen hängen, die in den scheinbar leichten Ton eingebettet sind. Marthas Kind wird tot zur Welt kommen, Helenes Hoffnung auf ein Leben mit Loth zerbersten, und doch ist die Umarmung der Schwestern am Ende ein Lichtblick. Verdienter Jubel.