Literatur

Der Gott des Gedärms

John Fante (1909–1983) schrieb Romane und Erzählungen, die lange Geheimtipps blieben – wirklicher Erfolg blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt.Foto: Aufbau

Gossenpoet Charles Bukowski holte John Fante einst aus der Versenkung. Fantes Romandebüt „Der Weg nach Los Angeles“ liegt nun auf Deutsch vor.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Immer dann, wenn ihm das Geld für Essen und – vor allem – Trinken fehlte und es galt, vor zeternden Herbergsmüttern Reißaus zu nehmen, also ziemlich oft, verbrachte der angehende Gossenpoet Charles Bukowski seine Tage in der Bücherei. Und las, was er in die Finger bekam. Von John Fante hatte Bukowski noch nie gehört, als er sich, es muss um 1940 gewesen sein, an dessen Los-Angeles-Roman „Ask the Dust“ (deutsch: „Ich – Arturo Bandini“) festlas – und im 1909 in Colorado geborenen Schriftsteller ein Vorbild, ja „seinen Gott“ erkannte.

Dass Fante praktisch unbekannt war, war im Grunde Adolf Hitlers Schuld. Beziehungsweise die des Verlags Stackpole, der zeitgleich mit „Ask the Dusk“ eine un­autorisierte Übersetzung von Hitlers Schmähschrift „Mein Kampf“ veröffentlichte – und dafür vom deutschen Diktator in Grund und Boden geklagt wurde. Von „Ask the Dust“ wurden lediglich 750 Exemplare verkauft, ehe Stackpole pleite war.

Fante, damals knapp 30 Jahre alt, ging da hin, wo man als Autor ohne Aussicht auf Veröffentlichung hinging: Er heuerte in Hollywoods Schreibstuben an. Jahrelang saß er am Filmskript-Fließband, verdiente gut – und hasste die Branche inbrünstig.

So sehr, dass er die Bemühungen eines weiteren namhaften Fans, des Drehbuch­autors Robert Towne (Oscar für „Chinatown“), „Ask the Dust“ zu adaptieren, geflissentlich ignorierte. Towns Verfilmung kam erst 2006 unter dem Titel „In den Staub geschrieben“ in die Kinos.

Da war John Fante bereits seit mehr als drei Jahrzehnten tot – und sein Werk gerade dabei, zum zweiten Mal wiederentdeckt zu werden.

Seine erste Renaissance verdankte Fante Bukow­ski, der sich seit den frühen 1980er-Jahren für die Wiederauflage seiner zumeist in den 1930er- und 40er-Jahren entstandenen acht Romane und 28 Short Stories starkmachte. Wobei: „Wiederauflage“ trifft es nicht genau, denn Fantes Romanerstling, „Der Weg nach Los Angeles“, erschien 1985, also zwei Jahre nach dem Tod des Autors, zum ersten Mal. Unmittelbar nach der Niederschrift um 1935 wurde das alles andere als publikationsfertige Manuskript von gleich drei Ostküstenverlagen abgelehnt. Grundtenor: zweifellos „extrem provokativ“ und gerade deshalb „einer Publikation unwürdig“. Fante verstaute sein verhindertes Debüt zeit seines Lebens in einer Schreibtischschublade.

Man kann den nun von Alex Capus ohne Schnörkel ins Deutsche übertragenen Roman als literaturhistorisches Dokument lesen: Das Frühwerk eines späteren Meistererzählers – ein bisschen ungelenk, aber eben auch ohne Rücksicht auf die Moden des Marktes. Stil im Urzustand.

Doch „Der Weg nach Los Angeles“ ist mehr: Erzählt wird von den frühen Jahren von Fantes Irgendwie-Alter-Ego Bandini. Er ist 18, will Autor werden, liest Nietzsche und Schopenhauer, liegt seiner Mutter auf der Tasche und geht seiner Schwester auf die Nerven. Bandini weiß alles besser, macht kaum Anstrengungen, einen seiner Jobs zu behalten, schreibt, wie er sich selbst eingestehen muss, an einem furchtbar langweiligen Roman – und er träumt. In der eindrücklichsten Szene des Buches imaginiert er eine märchenhafte Revolte, die zum Massaker ausartet. Und während er sich flehende Prinzessinnen und mordende Heroen vorstellt, tötet er zahllose Krabben, die er zufällig entdeckt hat. Was als übermütige Albernheit anfängt, entlädt sich in aberwitzige Grausamkeit: Auch ein Träumer kann zum Täter werden.

John Fante – schwärmte einst Charles Bukowski – schreibe aus „dem Herzen und aus dem Gedärm“. Zumeist obsiegte das Gedärm. Genau das geht ans Herz.

Roman John Fante: Der Weg nach Los Angeles. Aus dem Amerikanischen von Alex Capus. Blumenbar, 251 Seiten, 20,60 Euro.