Wintersport

Gottwald im TT-Interview: „Wir alle waren Täter und Opfer“

Als Vortragender niemals um ein klares Wort verlegen: Österreichs erfolgreichster Olympia-Teilnehmer Felix Gottwald (41).
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Der Salzburger Felix Gottwald (41), als Nordischer Kombinierer Österreichs erfolgreichster Olympia-Teilnehmer, zieht nach einem turbulenten Herbst mit Wahlkampf und Missbrauchsdebatte ein kritisches Resümee.

Sie äußerten sich zuletzt in einem Interview mit dem „Sportmagazin" kritisch zum Thema Sport in der Regierung.

Gottwald: Ich habe mir die fünf Seiten im Regierungsprogramm durchgelesen und muss sagen: Blödsinn steht keiner drin, vielleicht die eine oder andere Unschärfe. Aber ich frage mich: Wie bringt man das ins Leben?

Man liest viel über Sport in Österreich. Kommt er in der öffentlichen Wahrnehmung dennoch zu kurz?

Gottwald: Es gibt viele vermeintlich wichtigere Themen, im Wahlkampf war nichts über Sport zu hören. Und Politiker wie Christian Kern (Ex-Kanzler, Anm.), die offensichtlich Sport betreiben, sollten sich auch öffentlicher dazu bekennen. Wahrscheinlich hat man Angst, dass die Leute sagen: ,Was, zum Sport hat der auch noch Zeit?' Dabei müsste es heißen: ,Ich habe so viel Energie, weil ich mir für Sport die Zeit nehme.'

Ist Sport in der Gesellschaft also nicht en vogue?

Gottwald: Wenn bei der Galanacht des Sports im ORF-Haupt­abendprogramm Mo­deratoren sagen, dass Stiegensteigen ihre einzige sportliche Betätigung darstellt, dann frage ich mich: Was ist die Botschaft? Da ist mir eine wie Mirjam Weichselbraun lieber, die dreimal wöchentlich boxen geht und das auch so nach außen trägt.

Hängt es damit zusammen, dass Sie es kritisch sehen, wenn der höchste Sportverantwortliche (Vizekanzler Heinz-Christian Strache, Anm.) raucht?

„Da ist mir eine wie Mirjam Weichselbraun lieber, die dreimal wöchentlich boxen geht und das auch so nach außen trägt.“
Felix Gottwald

Gottwald: Es ist unabhängig davon zu sehen, ob er raucht oder veranlasst, dass das Nichtrauchergesetz gekippt wird. Aber natürlich hat auch er Vorbildfunktion, und das ist auch das, was ich vermisse: eine Person mit Begeisterung für den Sport, die sich zehn Jahre oder mehr damit auseinandersetzt. Eine Legislaturperiode dauert fünf Jahre, und dass sie kürzer ausfällt, ist eher die Regel als die Ausnahme.

Wer könnte diese Rolle ausfüllen?

Gottwald: Eine Person, der das eine Herzensangelegenheit ist und die der Breite verklickert, was Sport bringt. Einladen, inspirieren und bestärken, nicht mit erhobenem Zeigefinger dastehen, denn es gibt so viele Beweise, dass dem so ist. Wenn ich höre, dass ein in den Sport investierter Euro fünf Euro Mehrwert bringt, dann ist das für mich ein guter Wechselkurs.

Sie sprechen von Vorbildern. Meinen Sie solche aus dem Spitzensport?

Gottwald: Eine Vorbildfunktion nimmt man immer ein, das fängt bereits bei den eigenen Kindern an. Vorbilder müssen authentisch sein, der Spitzensport hat so gesehen Vorbildfunktion. Dabei ist auch er nicht vor gesellschaftsrelevanten Themen gefeit. Das sieht man an der Missbrauchsdebatte oder an den Ritualen, von denen zuletzt in Sportschulen wie Stams die Rede war. Es ist wohltuend, dass auch der Sport nicht immer als heile Welt dargestellt wird, sondern genauso ein Teil des Lebens ist, in dem es auch Schattenseiten gibt wie überall sonst.

Zur Person Felix Gottwald (41)

Der Pinzgauer, mit sieben Olympia- und elf WM-Medaillen einer der Stars in der Kombinierer-Szene, tritt mittlerweile erfolgreich als Seminarleiter, Vortragender und Buchautor auf. Der Familienvater gilt als kritischer Geist im Sport.

Das Fördersystem in Österreich wird augenblicklich neu strukturiert. Wie stehen Sie dazu?

Gottwald: Wir konzentrierten uns auf das eine Prozent, das Weltmeister werden könnte, aber nicht auf die 99 Prozent in der Breite, aus denen die Spitze hervorgeht. Es gibt tolle Konzepte in der Schweiz, in Island, in Kanada oder Norwegen. Die muss man nicht neu erfinden, man muss sie nur adaptieren.

Sie selbst haben Rituale wie das „Pastern" angesprochen und kritisch angemerkt, dass Sie in Ihrer Zeit in Stams sehr wohl damit konfrontiert waren.

Gottwald: Es war unsere Generation, aus der sich jetzt viele melden. Es war die Art, wie Hierarchie hergestellt wurde. Wir alle waren Täter, auch wenn wir nichts taten und nur zuschauten. Und wir waren alle Opfer. Betroffen hat das zu meiner Zeit jeden. Aber das Ganze war eine Verirrung und der damalige Heimleiter Wilfried Steinkasserer hat auch alles unternommen, damit Rituale wie das Pastern aufhören. Der hat das abgedreht, da waren Saufen oder Rauchen die geringeren Übel. Man lernt dazu, wir alle wurden sensibilisiert. Und man muss unterscheiden zwischen sexuellen Übergriffen und sinnleeren Ritualen.

Wie bewerten Sie die Reaktion des Österreichischen Skiverbands auf die Missbrauchsdebatte?

Gottwald: Die erste Reaktion war unglücklich, nichts zu sagen ist allerdings auch nicht schlau. Und auf der ÖSV-Homepage suchst du vergeblich nach einem Wertekatalog, wie er beispielsweise in Eisenerz (Ski-Schwerpunktschule, Anm.) an alle gerichtet wird. Etwas, woran man sich orientieren kann.

Was würden Sie sich erwarten?

Gottwald: Die ÖSV-Langläufer und -Biathleten haben es vorgemacht, die entwarfen heuer mit Trond Nystad (Langlauf-Trainer, Anm.) einen Wertekatalog unter dem Deckmantel „Freude" und ordneten jedem Buchstaben Begriffe wie Familie zu. Besser wäre es für den ÖSV, da nachzurüsten anstatt beleidigt zu sein.

Sie sprechen von Leuten mit Herz im Sport, von Werten. Gerade Ihnen als erfolgreichstem Olympia-Teilnehmer würde man diese Botschaft abnehmen — interessiert Sie so eine Tätigkeit?

Gottwald: Ich habe Gespräche mit dem vorherigen Sportminister Hans Peter Doskozil geführt. Mir geht es nicht um mich, mir geht es in erster Linie um Inhalte. Ich dränge mich nicht auf, stehe aber beratend zur Verfügung, wenn der Anspruch über reine Fassadengestaltung hinausgeht und wirklich etwas für den Sport bewegt werden soll.

Das Gespräch führte Florian Madl