Bezirk Reutte

Ein Minilift schafft größtes Glück für Mitarbeiter mit Handicap

© Dengg

Vor knapp 37 Jahren trat Hannes Kerber seinen Dienst bei der Zugspitzbahn an. Er ist von Geburt an behindert. Ein Handicap? Von wegen. Inzwischen hat er sogar einen „eigenen“ Lift auf der Ehrwalder Alm.

Von Simone Tschol

Ehrwald –Es war der 9. Februar 1981, der das Leben von Hannes Kerber komplett veränderte: sein erster Arbeitstag. Während viele andere Heranwachsende den Schritt in den Berufsalltag zwar mit Spannung erwarten, dieser für sie jedoch ein Stück Normalität auf dem Lebensweg darstellt, war es für den heute 54-jährigen Ehrwalder ein ganz spezieller Tag.

Hannes ist behindert. Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt kam es zu starken Beeinträchtigungen des Sprachzentrums sowie der Feinmotorik. Ein normales Leben schien ausgeschlossen.

Ein Treffen zwischen Hannes’ Vater und Heinz Kluibenschädel (Vorstand der Tiroler Zugspitzbahn AG, als diese noch im Besitz des Landes war, Anm. d. Redaktion) sollte jedoch alles verändern. „Mein Papa ist heimgekommen und hat gesagt, bei der Zugspitzbahn hätten sie Arbeit für mich. Ich habe gefragt, was ich da machen soll. Ich hab’ nicht mal gewusst, was die Zugspitzbahn ist“, erinnert sich Hannes. Nach sechs Monaten Probezeit wurde er fix angestellt.

Auch nach der Übernahme der Bahn durch die Seilbahnerfamilie Dengg blieb sein Dienstverhältnis aufrecht. „Anfangs habe ich Schnee geräumt und geschaut, dass am Parkplatz alles ordentlich ist. Manchmal habe ich auch die Autos eingewiesen“, erzählt Hannes und sein Chef Franz Dengg fügt hinzu: „Hannes hat immer dafür gesorgt, dass alles ordentlich aussieht und sich der Betrieb in einem tadellosen Zustand präsentiert, wenn die Gäste kommen.“ Seine Eltern seien sehr stolz gewesen und er selbst dankbar für die Arbeit, „aber da waren so viele Räume. Ich habe Platzangst, deswegen wollte ich auf die Ehrwalder Alm. Ich habe es viel lieber nass und kalt, als in engen Räumen zu sein.“

Dieser Wunsch ging auch in Erfüllung – sogar mehr als das. Franz Dengg: „Jetzt hat Hannes sogar seinen eigenen Lift. Er betreut den Minilift im Anfängerbereich.“ Dort hilft er den Kindern beim Einsteigen und schaltet den Lift aus, wenn eines von ihnen fällt.

Was ihm die Arbeit bedeutet, kann Hannes nur schwer in Worte fassen. Beim Versuch wird er von den Emotionen überwältigt. Er muss einmal tief durchatmen, dann meint er: „Mir bedeutet das sehr viel, dass in ich in den Betrieb mit so viel Unterstützung eingebaut bin. Betriebsleiter Martin Rothballer und alle Arbeitskollegen sind so nett zu mir. Sie akzeptieren mich, wie ich bin.“ Aber nicht nur Hannes profitiere vom Arbeitsumfeld, dies sei auch umgekehrt der Fall, weiß Franz Dengg: „Der Zusammenhalt unter den Mitarbeitern wird durch Hannes wirklich großgeschrieben.“

Jeder Tag bringt für den 54-Jährigen neue Herausforderungen: „Manche Gäste sind ganz freundlich, manche sind es offenbar nicht gewohnt, mit Behinderten umzugehen. Manche Kinder weinen sogar, wenn sie mich das erste Mal treffen – wahrscheinlich, weil ich nicht so gut sprechen kann. Mit den meisten Gästen mache ich aber positive Erfahrungen.“

Hilfe nimmt Hannes in Anspruch, „aber manche wollen mir helfen, obwohl ich keine Hilfe brauche. Da fühle ich mich dann irgendwie zurückgesetzt. Wenn, dann möchte ich selbst sagen: ,Bitte hilf mir‘“, so der 54-Jährige.

Wenn er nicht gerade arbeitet, hilft Hannes anderen. Er engagiert sich in der Sozial­arbeit und sammelt Spenden für Blinde. Am liebsten aber ist er draußen in der Natur beim Wandern. „Ich gehe fast jedes Jahr den Karwendelmarsch, 52 Kilometer“, erwähnt er ganz nebenbei.

Aber Hannes ist kein Einzelfall. Die Seilbahner- und Hoteliersfamilie Dengg beschäftigt in Ehrwald und Lermoos vier behinderte Mitarbeiter. Angelika Dengg: „Viele haben Scheu, Behinderte anzustellen. Da muss man als Chef oder Chefin unterstützend dahinter sein. Denn auch das Team muss auf die neue Situation vorbereitet werden.“

Es komme natürlich in jedem einzelnen Fall auf das Umfeld an, „aber wenn man die Möglichkeit hat, behinderte Menschen anzustellen, dann sollte man das auch tun“, ist sich das Unternehmerehepaar einig.

Hannes jedenfalls ist rundum glücklich und, wie er selbst sagt, sowohl in Ehrwald als auch in Lermoos bestens integriert.