„Kreuzzug der Alphabetisierung“ - Dreikönigsaktion in Nicaragua aktiv
Managua (APA) - „Es ist ja eine Schande, wenn man nicht lesen und schreiben kann.“ Daher absolviert die 37-jährige Nenci einen Alphabetisier...
Managua (APA) - „Es ist ja eine Schande, wenn man nicht lesen und schreiben kann.“ Daher absolviert die 37-jährige Nenci einen Alphabetisierungskurs. Ermöglicht wird ihr das auch durch die Hilfe der Dreikönigsaktion (DKA), die in der Umgebung der nicaraguanischen Hauptstadt Managua mit ihrem Partner CECIM (Integrales Bildungs- und Schulungszentrum) mehrere Bildungsprojekte betreibt.
„Jetzt kann mich niemand mehr betrügen“, freut sich Nenci. Früher hatte sie das Problem, dass sie auch offizielle Dokumente einfach nicht verstand. Eine richtige Schule besucht Nenci indes nicht. Vielmehr wird der Unterricht direkt vor einem äußerst bescheidenen Häuschen im nicaraguanischen Urwald abgehalten. Rundherum watscheln Gänse mit ihren Küken, eine Ziege kaut an einem Blatt, auf einem offenen Feuer wird gerade Mais gekocht. CECIM wurde im Jahr 1992 gegründet und will die Jugend- und Erwachsenenbildung in Ciudad Sandino in der näheren Umgebung der Hauptstadt Managua vorantreiben. Einer Gemeinde mit rund 120.000 Einwohnern.
Das Projekt in der Kooperative hat das Ziel, die Lebensbedingungen in dem lateinamerikanischen Land zu verbessern. Trotz der vermeintlichen sandinistischen Revolution Ende der 1970er Jahren hat sich an den feudalen Lebensverhältnissen in Nicaragua kaum etwas geändert. Landbesitz und Einkommen sind ungerecht verteilt. Einige wenige reiche Familien haben das Land unter sich aufgeteilt und werden von der Politik unterstützt, wird im Zentrum von CECIM in Ciudad Sandino beklagt. In großen Fabriken, den „Maquilas“, würden Konzerne die Arbeitskräfte ausbeuten, die gegen geringe Entlohnung und ohne soziale Absicherung billige Kleidung oder Tabakwaren für den westlichen Markt herstellen.
Die Armut betrifft besonders Kinder und Jugendliche. Laut dem Kinderhilfswerk UNICEF leiden 22 Prozent aller nicaraguanischen Kinder unter chronischer Mangelernährung. Wegen der Arbeitsmigration sind viele Kinder zudem auf sich allein gestellt, müssen zum Familieneinkommen beitragen. Sie arbeiten dann ebenso in den Tabakfabriken, auf den Plantagen oder als Straßenverkäufer und Haushaltshilfen. Zeit für einen Schulbesuch bleibt da nicht. „Viele brechen die Schule ab. Mit fehlender Ausbildung gehen dann aber die Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben mit Job und eigenem Einkommen gegen Null.“
Der Fokus wird bei CECIM daher vor allem auf die Jugend gelegt. „Wir wollen Jugendliche motivieren, ihre Chancen durch bessere Bildung zu erhöhen.“ Nur so lasse sich eben der Lebensstandard heben. Der Alltag vieler Kinder und Jugendlicher in Nicaragua sei zudem von Gewalt geprägt. In der Familie, in der Schule, auf der Straße. Eine gute Ausbildung hilft, von dort wegzukommen.
Neben den Alphabetisierungskursen im ruralen Bereich wird auch die duale Lehrlingsausbildung gefördert. Mit einem beruflichen Training in einer Schneiderei, Schlosserei, Bäckerei oder als Mechaniker sollen die Mädchen und Burschen der Armutsfalle entrissen werden. CECIM suchte in der Umgebung nach lokalen Kooperationspartnern. Die Jugendlichen arbeiten dann beispielsweise in eher primitiven Motorradwerkstätten. So schaffen es viele - wenn auch nicht alle -, sich letztlich doch eine eigene bescheidene Existenz aufzubauen und auch einen Beitrag zu leisten, ihrer Familie das Überleben zu sichern.
60 Prozent der Bevölkerung von Ciudad Sandino sind laut Statistik jünger als 30 Jahre. Eine staatliche Förderung seitens der Regierung von Langzeitpräsident Daniel Ortega gibt es nicht. Doch werden die durch Spendengelder finanzierten Projekte von CECIM und der Dreikönigsaktion gut angenommen.
Lesen und Schreiben zu lernen war für die ländliche Bevölkerung in Nicaragua nicht immer selbstverständlich. Die Kinder wurden gebraucht, um am Feld oder mit dem Vieh zu arbeiten. Doch versuchen Menschen wie Nenci Verlorenes nachzuholen. Rosario Leiva hilft ihr dabei, sie ist 25 Jahre alt und Lehrerin. Eine Lehrerin verdient im Monat rund 9000 Córdobas, das entspricht knapp 250 Euro. Sehr weit kommt man damit nicht, räumt sie ein. Aber sie sieht ihren Job als Berufung an.
Doch ist es gerade im ländlichen Bereich Nicaraguas nicht einfach, zu einer guten Ausbildung zu kommen. Ihre Kinder besuchen schon eine echte Schule, erzählt Nenci. Doch müssen sie dafür jeden Tag einen Fußweg von acht Kilometern auf sich nehmen.
Der „Kreuzzug der Alphabetisierung“, wie es auf der Homepage von CECIM heißt, ist aber erfolgreich. Lag die Quote derer, die in den 1980er Jahren noch nicht lesen und schreiben konnten, noch bei 50 Prozent, sind es mittlerweile nur noch zwölf Prozent. Um die 1.200 Menschen werden von rund 170 meist ehrenamtlichen Lehrern unterrichtet.
Ein Wegstück weiter von Nencis Haus wird sogar bereits eine Gruppe von Fortgeschrittenen unterrichtet. Das Thema, das an diesem Nachmittag durchgenommen wird, sind die Menschenrechte. Ein junger Mann bringt seinen Nachbarn die entsprechende UNO-Konvention näher, während rundum die Gänse ihre Runden ziehen...
Aber auch die, die letztlich eine Ausbildung bekommen haben, suchen oft im Ausland ihr Glück. Rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts kommen aus dem Ausland, sagt die Migrationsforscherin Marta Isabel Cranshaw. Von Jänner bis September waren das heuer bereits 960 Millionen Dollar. Allerdings, so bedauert Cranshaw, hat der Geldstrom aus dem Ausland auch seine Schattenseiten. „Durch die Arbeitsmigration werden viele Familien zerrissen.“
S E R V I C E: Die Dreikönigsaktion, das Hilfswerk der Katholischen Jungschar, unterstützt mit den Sternsinger-Spenden rund 500 Hilfsprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika. Info auf www.dka.at bzw. http://www.cecim-ni.org/espanol/ciudad-sandino . Spendenkonto bei BAWAG/P.S.K., Kontoinhaber: Dreikönigsaktion, IBAN: AT23 6000 0000 9300 0330.