„Las Diosas“: Campesinas in Nicaragua bieten der Männerwelt die Stirn
Managua (APA) - Gewalt gegen Frauen, Machismo, Unterdrückung und paternalistische Strukturen sind in Nicaragua immer noch Alltag. Dass sich ...
Managua (APA) - Gewalt gegen Frauen, Machismo, Unterdrückung und paternalistische Strukturen sind in Nicaragua immer noch Alltag. Dass sich aber da und dort wenigstens ein bisschen etwas ändert, ist auch einer tapferen Frauen-Kooperative in Estelí zu verdanken. Sie empfanden ihre Situation als die „Hölle“, wollten aber lieber „im Himmel“ leben. So nannten sie sich „Las Diosas“, die Göttinnen.
So erzählte es Mitbegründerin Diana Martínez. Nun ist der Alltag dieser Campesinas, also Bäuerinnen, im ländlichen Nicaragua noch immer nicht das Paradies auf Erden, aber im Vergleich zu ihrem früheren Leben hat sich für sie einiges verbessert, seitdem sie sich in der Landwirtschaft selbstständig gemacht haben.
Sie haben viel erreicht: Wurde ihre Kooperative und andere, die nach und nach entstanden, ursprünglich von Männern bekämpft und auch von den meisten Frauen kritisch beäugt, gehören dem Dachverband „Fundación de Mujeres/Frauen-Stiftung“ (FEM) mittlerweile rund 2.000 Frauen an.
Vor allem aber haben sie ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Spätestens 1995 sei ihr bewusst geworden, dass selbst die Männer in den sandinistischen Gewerkschaften taub waren für die Anliegen des weiblichen Geschlechts, erzählt Diana Martínez bei einem Besuch des Kooperationspartners Dreikönigsaktion.
„Es war uns klar, dass wir einen feministischen Ansatz wählen mussten“, meint die 59-Jährige. Dazu wurden über die vergangenen zwei Jahrzehnte die Kompetenzen von Frauen, die sich an Workshops beteiligten, gezielt gefördert. Es wurde ihnen Eigenverantwortung eingeimpft und bewusst gemacht, dass sie die Herrinnen über ihre Körper sind und nicht reine Objekte der Männer.
Bei den Aktivistinnen handelte es um „Tabakarbeiterinnen oder verarmte Bäuerinnen“, erinnert sich Diana, „das war zum Teil schon echtes Proletariat“. Viele holten später einen Schulabschluss nach. Diana selbst studierte sogar Soziologie. Manche von ihnen waren mit zum Teil extremer häuslicher oder sexueller Gewalt konfrontiert gewesen oder hatten es einfach satt, die unumstößlich erscheinenden Regeln ihres Umfelds weiter zu akzeptieren: „Schweigen, Gehorchen, Kinderkriegen.“
Also erwarb eine Gruppe von Frauen vor über 20 Jahren mit Unterstützung von deutschen Sympathisanten, die sie noch von den Sandinisten-Gewerkschaften kannten, ein kleines Stück Land und rammte davor eine Tafel in den Boden: „Tierra de las mujeres“, stand darauf, „Land der Frauen.“
Das war ein ziemlicher Affront, den sich die Männer in dem ruralen Umfeld nicht bieten lassen wollten. Die aufmüpfigen Frauen wurden beschimpft, verspottet und belächelt, weil es für die Landarbeit eben richtige Kerle brauche. Meinten zumindest die Männer, wenn sie irgendwo beim Trinken beisammensaßen.
Das vermeintlich schwache Geschlecht aber knüpfte weitere Kontakte nach Deutschland und schaffte es letztlich, 2.000 Kilo Fairtrade-Kaffee zu exportieren. „Wir haben damals 12.500 Dollar eingenommen.“ Ein Betrag, von dem die Männerwelt rundum nur träumen konnte. Es war der erste große Erfolg der Frauengruppe, der für gehöriges Aufsehen sorgte.
Kaffee wird immer noch angebaut, und neben Hibiskustee und Mangomarmelade im neu eröffneten, schicken Café zum Verkauf angeboten. Wobei die Kaffeeernte im Vorjahr durch Schädlinge schwer beeinträchtigt wurde. Auch der Klimawandel macht ihnen zu schaffen. Mal ist es zu heiß und lange zu trocken, dann wiederum schwemmt zu starker Regen die Böden aus. Auch Wirbelstürme suchen die Gegend gelegentlich heim, am stärksten tobte der Tornado „Mitch“, der 1998 in der Region ganze Wälder abholzte. Die Ausfälle in der Landwirtschaft sorgen andererseits aber auch für höhere Lebensmittelpreise, die insbesondere der armen Bevölkerung das Leben erschweren.
Dass aber ihre Bohnen, der Mais oder die Avocados biologisch angepflanzt werden, ist für die „Göttinnen“ von Estelí selbstverständlich. Für sie ist Nachhaltigkeit ein Grundprinzip. Die Erde mit Pestiziden oder giftigen Düngemitteln zu zerstören, fällt ja schließlich nur dem Großkapital ein, schüttelt man in der Kooperative „Las Diosas“ missbilligend die Köpfe. Aber wer dort meist an den Schalthebeln sitzt, sei ja bekannt: Männer...
S E R V I C E: Die Dreikönigsaktion, das Hilfswerk der Katholischen Jungschar, unterstützt mit den Sternsinger-Spenden rund 500 Hilfsprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika. Info auf www.dka.at. Spendenkonto bei BAWAG/P.S.K., Kontoinhaber: Dreikönigsaktion, IBAN: AT23 6000 0000 9300 0330 .