Nicaragua - Kinder als „Betreiber des gesellschaftlichen Wandels“
Managua (APA) - Sie pfeifen und tanzen zu lateinamerikanischen Rhythmen. Bunte Masken zeigen, was die Kinder mit ihrem Umzug den Bewohnern v...
Managua (APA) - Sie pfeifen und tanzen zu lateinamerikanischen Rhythmen. Bunte Masken zeigen, was die Kinder mit ihrem Umzug den Bewohnern von Estelí sagen wollen. Sie stellen Tapire und Affen dar, aber auch Schildkröten oder Tukane. Tiere, die in Nicaragua vom Aussterben bedroht sind. Die Notwendigkeit des Umwelt- oder Tierschutzes ist hier aber noch nicht Allgemeinwissen. Die Kinder sollen da Vermittler sein.
Der schräge Aufmarsch an einem Freitagabend steht unter dem Motto „Festival Eco Art - Por amor a la madre tierra“ (Aus Liebe zur Mutter Erde), wie auf einem Spruchbanner zu lesen ist. Eco Art ist ein Programm der NGO FUNARTE, die von der Dreikönigsaktion unterstützt wird. In Nicaragua gibt es kaum ein Umweltbewusstsein, erklärt die Projektleiterin Anabel García Blandón, „auch Tiere werden oft schlecht behandelt. Braucht ein Bauer nach 20 Jahren sein Pferd nicht mehr, vertreibt er es einfach und irgendwo verendet es dann.“
Auch dass bedrohte Tierarten Schutz benötigen, interessiert die meisten Nicaraguaner nicht. Dieses Bewusstsein soll den Kindern mit Hilfe von FUNARTE durch eigene künstlerische Betätigung beigebracht werden. Damit sie es dann an andere weitergeben. „Kinder sollen Betreiber des Wandels“ sein, lautet das Motto der Workshops, die Anabel García Blandón bei FUNARTE anbietet.
Dort haben die Kinder ihre Masken und auch die Tiere gebastelt, die sie bei dem fröhlichen Umzug mit sich tragen. Hergestellt wurden sie aus Recyclingmaterial wie Plastikflaschen. Den Buben und Mädchen wird so auch beigebracht, dass sie diese nicht achtlos wegwerfen dürfen. Und sie sollen dies auch ihren Freunden und Eltern erzählen.
200 Kinder und Jugendliche werden von 30 Betreuern bei FUNARTE diesbezüglich ausgebildet. Lebensnahe Themen wie Umweltverschmutzung, Gewalt oder das Recht auf Bildung werden zuerst gemeinsam und intensiv mit den Kindern besprochen. Danach ergreifen die Kinder die Chance, sich kreativ und künstlerisch auszudrücken. Dazu kommen 30 Mütter und Väter. Ein Projekt sind Wandmalereien, die von den Kindern angefertigt werden. Abgesehen davon, dass die Kreativität der Kinder gefördert wird und die Bilder schön anzuschauen sind, werden sie beim Malen auch oft von Passanten angesprochen. So wird eine Wirkung nach außen erzielt.
Auch hier können sie dann „Betreiber des Wandels“ sein und die Nachbarn auf die Wichtigkeit des Tier-, Umwelt- oder Klimaschutzes aufmerksam machen. Die Gesellschaft soll lernen, Kinder als soziales Objekt wertzuschätzen, heißt es bei FUNARTE, „als Menschen, die ihre Umgebung verändern können“.
Den Kindern wird somit auch die Chance geboten, ohne Angst zu spielen und Freizeit erleben können. „Wir bieten einen sicheren Raum, in dem sie respektiert werden, sie sich erholen können und sie betreut werden. Außerdem sprechen wir mit ihnen über ihre Rechte und entwickeln Bildungsprozesse während des Schuljahres“, meint Anabel García Blandón.
„In geschütztem Rahmen lernen sie Schritt für Schritt über Themen zu sprechen, die sie bedrücken - wie zum Beispiel ihre Gewalterfahrungen auf der Straße oder zu Hause“, freut man sich auch bei der Dreikönigsaktion. „Diese Arbeit zeigt Früchte, wenn die Kinder selbstbewusster werden, Hoffnung schöpfen und beginnen, wieder daran zu glauben, dass die Zukunft auch Positives für sie bereithält.“ Sie lernen zudem ihre Rechte kennen und auch, öffentlich darauf aufmerksam zu machen.
Die Stadt Estelí war ein Brennpunkt des nicaraguanischen Bürgerkriegs Ende der 1970er-Jahre zwischen den linksgerichteten Sandinisten und den Truppen von Diktator Anastasio Somoza. Es gab in der Region viele Kampfhandlungen. Nach dem Krieg wuchs die Stadt auf das Doppelte an. Heute zählt sie über 160.000 Einwohner. Die Änderung der sozialen Struktur nach der Revolution warf viele Probleme auf. „Es gab 40 Banden, die sich bekriegten oder Verbrechen verübten. In den 1990ern war Estelí eine der unsichersten Städte Nicaraguas“, erzählt die Projektleiterin.
Das hat sich dank neuer Arbeitsmöglichkeiten wie in jüngerer Zeit errichteter Tabakfabriken oder neu erschlossener Agrargebiete und einem Aufschwung der Viehzucht etwas geändert, doch sind die Probleme nach wir vor groß. In manchen Vierteln sind Gewalt, Kriminalität oder sexuelle Ausbeutung weiter auf der Tagesordnung.
„Bei mir in der Mittelschule gibt es schon auch Mädchen, die schwanger sind, die Drogen nehmen“, erzählt die 15-jährige Diana Sevilla, „aber es gibt auch andere.“ Dabei wohnt Diana in einem Stadtteil, in dem es eigentlich kaum gewalttätige Vorfälle gibt. Auch sie hat an Workshops für die Wandmalereien bei FUNARTE teilgenommen. Sie hat sich gefreut, dass sie wertgeschätzt und ihre Ausdruckskraft wahrgenommen und gefördert wird.
Wobei Diana wahrscheinlich ein Sonderfall ist. Sie ist besonders fleißig, ehrgeizig und umtriebig. Das Mädchen arbeitet neben der Schule halbtags im Kindergarten und verdient dabei 50 Dollar. Das ist rund ein Fünftel des Monatsgehalts ihrer Mutter, einer Volksschullehrerin. Diese kann nur müde lächeln, wenn ihr die Frage gestellt wird, ob dieser Lohn in Nicaragua zum Leben reicht. Wenn sie etwas älter ist, wird sich Diana um ein Stipendium in Kuba bewerben, um Medizin zu studieren. Sie will Kinderärztin werden, um bedürftigen Buben und Mädchen zu helfen. „Mein Traum ist es, einmal ein Waisenhaus aufzumachen.“
S E R V I C E: Die Dreikönigsaktion, das Hilfswerk der Katholischen Jungschar, unterstützt mit den Sternsinger-Spenden rund 500 Hilfsprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika. Info auf www.dka.at bzw. www.funarte.org.ni. Spendenkonto bei BAWAG/P.S.K., Kontoinhaber: Dreikönigsaktion, IBAN: AT23 6000 0000 9300 0330.