Jahresrückblick: Die „Aufreger“ 2017 - ÖFB und sexueller Missbrauch
Wien (APA) - Das Sportjahr 2017 hat auch einige große „Aufreger“ paratgehalten. Die Querelen um die Bestellung des Nachfolgers von ÖFB-Teamc...
Wien (APA) - Das Sportjahr 2017 hat auch einige große „Aufreger“ paratgehalten. Die Querelen um die Bestellung des Nachfolgers von ÖFB-Teamchef Marcel Koller und die Missbrauchsvorwürfe im Skisport beschäftigten wochenlang die heimischen Medien. Auf internationaler Ebene sorgten die Explosion unmittelbar neben dem Teambus von Borussia Dortmund und das Dauerthema Staatsdoping in Russland für riesiges Echo.
Dabei fand der seit 2015 aktenkundige Staatsdopingskandal Anfang Dezember für Russland ein vorläufig glimpfliches Ende. Das IOC schloss das russische Team samt Betreuern und politischen Drahtziehern aufgrund des systematischen Betrugs 2014 in Sotschi zwar von den Winterspielen 2018 aus, nachweislich „saubere“ Athleten aus der Großmacht dürfen im Februar in Südkorea unter neutraler Flagge aber teilnehmen.
Bisher setzte es für bisher 31 Sotschi-Athleten, unter ihnen etliche Medaillengewinner, Sperren und Disqualifikationen. Einige Verfahren sind noch anhängig. Zudem sind die Sportverbände gerade dabei, eine Liste mit 300 doping-verdächtigen Russen auszuwerten - darunter auch der Fußball-Weltverband (FIFA), dessen WM 2018 in Russland stattfindet. Nicht nur deshalb wird die Staatsdopingaffäre auch 2018 weitergären.
Der Radsport sorgte kurz vor Jahresende 2017 auch noch für weltweite Schlagzeilen. Chris Froome muss einen deutlich erhöhtenWert eines Asthmamittels erklären, der dem Briten bei seinem Sieg in der Spanien-Rundfahrt nachgewiesen worden ist. Gelingt es dem an Asthma leidenden Tour-de-France-Serienchampion nicht, die Überdosierung plausibel zu begründen, könnte er eine Sperre ausfassen und seinen Vuelta-Titel verlieren.
Für viele Spekulationen sorgte am 11. April der Anschlag auf den Mannschaftsbus der Dortmunder Champions-League-Kicker. Bald stellte sich heraus, dass es keinen terroristischen Hintergrund gibt, sondern ein kühl rechnender 28-Jähriger via Finanzspekulationen mit dem Attentat Geld verdienten wollte. Sergej W. soll in der Woche vor dem Anschlag für über 26.000 Euro Optionsscheine und Kontrakte gekauft haben - und schloss mit diesen sozusagen eine Wette auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie ab.
Wäre der Kurs tatsächlich auf einen Euro abgerutscht, hätte W. über eine halbe Million Euro Gewinn gemacht. Er bestreitet die Vorwürfe. Unbestritten ist, dass Metallsplitter in den Bus eindrangen. Einer sorgte dafür, dass BVB-Abwehrspieler Marc Bartra mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus gebracht werden musste. Das CL-Spiel gegen den französischen Vertreter AS Monaco wurde auf den nächsten Abend verschoben.
In schwere Turbulenzen geriet im September der ÖFB. Zunächst verspielte das Nationalteam mit dem 0:1 in Wales und dem 1:1 daheim gegen Georgien die letzte realistische WM-Chance, dann nahm eine bemerkenswerte Schmierenkomödie ihren Lauf. Auf einer Präsidiumssitzung am 15. September in Gmunden wurde - entgegen dem Wunsch von Präsident Leo Windtner - beschlossen, dass der mit Jahresende auslaufende Vertrag mit Teamchef Marcel Koller nicht verlängert wird.
Danach traten Landesverbandschefs mit öffentlichen Aussagen über mögliche Koller-Nachfolger in Erscheinung und trugen zu einer erbärmlichen Außendarstellung des größten Sport-Fachverbandes Österreichs bei. Es folgte scharfe Kritik von Teamspielern wie Julian Baumgartlinger, Marko Arnautovic oder Marc Janko, woraufhin Niederösterreichs Fußball-Präsident Johann Gartner laut über die möglicherweise mangelnde Intelligenz der Spieler nachdachte.
Mittendrin wurde auch noch Sportdirektor Willi Ruttensteiner am 7. Oktober unter großem Getöse und wieder zum Unmut des schon bei seiner Wiederwahl im Juni geschwächten Windtner durch Peter Schöttel ersetzt. Halbwegs Ruhe kehrte erst wieder ein, als die ÖFB-Spitzen am 30. Oktober Franco Foda zum Teamchef bestellten - und dabei nicht vergaßen zu erwähnen, welche anderen Kandidaten interessant gewesen wären, aber nicht zur Verfügung standen.
Eine weit über den Sport hinaus gehende gesellschaftliche Debatte setzte Nicola Werdenigg Ende November mit ihrem „Sportmonolog“ im Standard in Gang. Dort berichtete die heute 59-jährige, ehemalige Alpine-Weltcupfahrerin von sexuellen Übergriffen im heimischen Skisport bis hin zu einer Vergewaltigung durch einen Mannschaftskollegen während ihrer Karriere.
Wenige Tage später sprach Werdenigg im ORF auch über einen ihr bekannten Fall, der erst rund zwölf Jahre zurückliegen soll. Zwar wurden keine Athletennamen öffentlich, die Notwendigkeit nach Aufarbeitung der Vergangenheit aber deutlich Unterstrichen.
Die Probleme weisen freilich über den alpinen Skisport hinaus. Werdeniggs Aussagen ermutigten weitere Ex-Sportler, über ihre Erlebnisse mit Übergriffen in diversen Betreuungseinrichtungen zu berichten - anonym oder öffentlich. So wurden etwa bizarre Initiationsriten wie das „Pastern“ zum Thema. Ex-Weltklasse-Skispringer und -ÖSV-Skisprung-Trainer Toni Innauer, aber auch die ehemaligen Profikicker Paul Scharner und Peter Hackmair erinnerten sich an diverse erniedrigende Praktiken.
Konsequenzen, so der verstörende Tenor, habe es weder für Verantwortliche noch Täter gegeben. In der Zwischenzeit sind bei diversen Anlaufstellen zahlreiche Meldungen von Missbrauchsvorfällen eingegangen, der organisierte Sport hat Verbesserung gelobt.