„Weltbild knacken“ - Prävention soll radikale Islamisten stoppen

Berlin (APA/dpa) - Plötzlich ändern sich Kleidung, Freunde und Verhalten und mancher ist von heute auf morgen gar ganz verschwunden: Auf die...

Berlin (APA/dpa) - Plötzlich ändern sich Kleidung, Freunde und Verhalten und mancher ist von heute auf morgen gar ganz verschwunden: Auf die islamistische Radikalisierung einer rasch steigenden Zahl junger Menschen und die Ausreise einiger zur Terrormiliz Islamischer Staat reagierten Eltern, Bekannte oder Lehrer zunächst oft ratlos.

In den meisten deutschen Bundesländern gibt es mittlerweile Präventionsangebote, die der Propaganda radikaler Salafisten Paroli bieten und Betroffene und ihr Umfeld beraten. Aussteigerprogramme zielen auch auf Syrienrückkehrer, die die Behörden als ein besonderes Sicherheitsrisiko sehen. Ein Patentrezept gegen die Radikalisierung ist noch nicht gefunden.

„Da die Radikalisierung nicht immer in eine Richtung läuft, braucht es unterschiedliche Ansätze“, sagt der Geschäftsführer des mit Präventionsprogrammen unter anderem in Berlin, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg aktiven Violence Prevention Network (VPN), Thomas Mücke.

Wichtig sei es, die Themen der islamistischen Szene genau zu kennen. „Man braucht theologische Kenntnisse, sonst wird man nicht akzeptiert.“ Aussteiger meldeten sich nicht von sich aus. „Die Szene kommt nicht auf einen selber zu, man muss sie ansprechen.“ Da Salafisten oft junge Menschen seien, gebe es durchaus gute Erfolgschancen.

In Niedersachsen arbeitet das VPN-Netzwerk mit sämtlichen der über 30 Inhaftierten aus der Islamistenszene. Das Weltbild der Islamisten lasse sich nicht mit Gewalt knacken, vielmehr müsse gewartet werden, bis ein Häftling sich für ein Gespräch öffnet, sagt Mücke. „Wir sagen nicht: „Du hast Unrecht“. Wir wollen, dass die Leute wieder anfangen selbstständig zu denken.“

Auf guten Zuspruch stößt die Hotline der im März gestarteten Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention (Kora) in Dresden. „Es melden sich Menschen aus dem Umfeld von Radikalisierungsfällen“, sagt Landeskoordinator Erik Alm. Viele der Handlungsempfehlungen an Eltern ähnelten denen beim Rechtsextremismus: „Kontakt behalten, ein Abkapseln vermeiden.“

Denselben Rat gibt der Leiter der Beratungsstelle gegen islamistische Radikalisierung in Niedersachsen, Christian Hantel. Wichtig sei es, den Kontakt zum Elternhaus zu stabilisieren. Wie in Dresden fädelt die Präventionsstelle in Niedersachsen nach einem Erstkontakt direkte Gespräche mit dem Umfeld oder auch den Betroffenen ein. Diese sind zumeist zwischen 12 bis 30 Jahre alt, junge Frauen machen inzwischen knapp ein Drittel der Fälle aus.

In Nordrhein-Westfalen, wo etwa 3.000 der deutschlandweit inzwischen mehr als 10.000 Salafisten leben, gibt es in zahlreichen Städten schon länger Beratungsstellen des Präventionsprojekts „Wegweiser“. Am Aufbau beteiligt war der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer, der bundesweit einen guten Fortschritt sieht beim Ausbau der Präventionsarbeit. Es werde viel getan zur Sensibilisierung, beim Aufbau von Beratungsstellen und Lehrkräften werde beigebracht, wie sie mit dem Phänomen Islamismus umgehen können

Mit der Radikalisierungs- und Ausreisewelle kam die Aufforderung aus der Politik, die muslimischen Verbände sollten selber aktiv werden gegen eine islamistische Indoktrinierung junger Menschen. Ein Einbinden der Verbände gelang dort leichter, wo Landesregierungen ohnehin schon eng mit der muslimischen Gemeinschaft zusammenarbeiten, etwa für den islamischen Religionsunterricht, die Krankenhaus- oder Gefängnisseelsorge.

Schwierig ist die Situation in den ostdeutschen Bundesländern, wo es wenige muslimische Institutionen und etablierte Kontakte mit den Behörden gibt, weil Migranten dort erst kürzer und in geringerer Zahl präsent sind. „In Sachsen-Anhalt ist das Zusammenleben mit Menschen muslimischen Glaubens ein junges Phänomen“, sagt die Sprecherin des Sozialministeriums in Magdeburg, Ute Albersmann. Erstes Ziel sei es daher, Behörden, Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen mit dem Islam vertraut zu machen. 2015 startete dazu das Projekt „Salam Aleikum“.

Alle Anstrengungen in den Bundesländern aber haben eins gemein, wie Islamwissenschaftler Kiefer sagt: „Auch eine fachlich einwandfreie Präventionsarbeit kann Risiken minimieren. Aber es besteht ein Restrisiko, dass dennoch etwas passiert.“