Zillertal

Raunacht: Eine Nacht voller Traditionen und Brauchtum

© Fankhauser Eva-Maria

Im Zillertal gibt es morgen Abend kaum ein Haus, in dem nicht geräuchert wird. Rauch und Weihwasser sollen das Haus vor bösen Geistern schützen.

Von Eva-Maria Fankhauser

Schwendau –Die Tage vor Weihnachten vergingen immer wie im Flug. Es wurde sauber gemacht, vorbereitet, der Baum geholt und „aufgeputzt“. Dann war es endlich so weit: Das Christkind kommt. „Der Tag hatte für mich immer etwas sehr Heiliges“, erinnert sich Luise Hanser an ihre Kindheit zurück. Die 76-Jährige lächelt und trinkt einen Schluck Tee. Wenn sie von früher erzählt, funkeln ihre Augen. „Es war nicht immer leicht.“ Die Familie hatte nicht viel. Aber sie erinnert sich gern zurück. „Der Heilige Abend war für mich schon als Kind etwas ganz Hohes, ein ganz besonderer Feiertag“, sagt sie. Und eines durfte am 24. Dezember nie fehlen: das Räuchern. Oder wie es im Zillertal heißt: „Rachn giah.“

Der Heilige Abend zählt zu den drei „Rachnächten“ bzw. Raunächten. Genauso wie der Silvester- und Dreikönigsabend. Das Räuchern ist im Zillertal ein alter Brauch, durch den Krankheiten, Geister und Dämonen ferngehalten werden sollen. Der Rauch soll reinigen und mit dem Weihwasser werden das Heim und die Menschen geschützt.

„Die heiße Glut wurde vom Ofen ins Feuerbügeleisen gegeben. Früher hatten wir einen ganz pechigen Weihrauch, der richtig gut gebrannt hat“, erzählt die Schwendbergerin. Heute verwendet sie eine Räucherpfanne oder ganz normale Pfanne. Während ihr Vater im Stall war und die Mutter kochte, zogen die Kinder mit der Rauchpfanne durchs Haus. „Ich habe meistens alles mit dem Weihwasser besprengt“, sagt sie mit einem sanften Lächeln. Sie hat es gern getan, es hat einfach dazugehört. Einer ging mit der Räucherpfanne voraus. Der Rest folgte mit gefalteten Händen und einem Gebet auf den Lippen. Der Rauch drang bis in jeden Winkel der Räume. Es duftete nach Weihnachten. Bevor es dunkel wurde, räucherte ihr Vater auch den Stall. Denn in der Nacht ist der Stall tabu. „Früher erzählte man sich, dass die Tiere in der Heiligen Nacht reden. Wer ihnen zuhört, der wird taub. Geglaubt habe ich das aber nie“, sagt sie.

Wichtig war damals wie heute, dass nicht nur das Haus geräuchert wird, sondern auch die Personen, die darin wohnen. „Wir wurden von oben bis unten in Rauch gehüllt. Wir haben uns auf einen Stuhl gesetzt, dann wurde am Kopf ein Kreuz gemacht und die Füße mussten über der Rauchpfanne ein Kreuz zeichnen“, erzählt Hanser. Noch immer ist das Räuchern für sie ein wichtiger Brauch. „Heute räuchern wir auch die Autos, dass wir wohlbehalten auf und ab kommen“, sagt Hanser und blickt dabei zur einspurigen, steilen Bergstraße hinaus.

Nach dem Räuchern folgten das Essen und die Bescherung. „Das Lied ‚Stille Nacht‘ wurde früher ausschließlich bei der Mitternachtsmette in der Kirche gesungen. Nicht zuhause“, sagt Hanser. Der Weg zur Kirche war oft beschwerlich. „Wir sind teils bis zu zwei Stunden durch den tiefen Schnee nach Hause gestapft“, erinnert sie sich.

Den Brauch des Räucherns hat sie an ihre Kinder weitergegeben. Tochter Barbara Hoflacher räuchert sogar mehrmals im Jahr, nicht nur zu den Raunächten. „Für mich hat das Räuchern und Beten mit meinen Eltern zum Heiligen Abend genauso dazugehört wie die Vorfreude aufs Christkind“, sagt die 35-Jährige. Heute empfindet sie es vor allem als Reinigung. „Gedanklich schickt man alles Negative aus den Räumen raus, damit wieder ein Gleichgewicht herrscht“, sagt Hoflacher. Auch ihre Kinder sind begeistert vom Brauchtum.

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