Unermüdlicher Vorkämpfer für Kataloniens Unabhängigkeit
Ex-Regierungschef Carles Puigdemont feiert seinen Wahlsieg im belgischen Exil. Die Unabhängigkeit Kataloniens ist für den katalanischen Politiker ein Kindheitstraum, der sich nun erfüllen könnte.
Von Laurence Boutreux, AFP
Barcelona/Madrid – Er wurde abgesetzt und musste vor der spanischen Justiz ins Exil fliehen: Für seinen Kampf um die Unabhängigkeit Kataloniens hat Carles Puigdemont einiges aufs Spiel gesetzt. Nun wurde er für seinen hartnäckigen Einsatz belohnt. Bei der Regionalwahl verteidigten die Unabhängigkeitsbefürworter ihre absolute Mehrheit im Parlament.
Puigdemont kostete das Ergebnis aus. Der Ausgang der Abstimmung sei eine „Ohrfeige“ für Madrid, der spanische Staat sei „geschlagen“, sagte er in der Wahlnacht. Ob der frühere Regierungschef der halbautonomen Region nach Katalonien zurückkehren und ein neues Regierungsbündnis schmieden kann, ist indes fraglich.
Ein Kindheitstraum könnte wahr werden
Puigdemont träumt seit seiner Kindheit von der Unabhängigkeit seiner Heimatregion. Gegen den Willen der Zentralregierung setzte er am 1. Oktober ein Unabhängigkeitsreferendum an und brachte Spanien an den Rand einer Staatskrise.
Ende Oktober rief das Parlament in Barcelona dann die Unabhängigkeit aus. Madrid übernahm daraufhin die direkte Kontrolle über Katalonien, setzte Puigdemont und dessen Regierung ab und schrieb Neuwahlen aus. Gegen den 54-Jährigen und andere prominente Befürworter der Unabhängigkeit wurden Haftbefehle erlassen. Puigdemont floh nach Belgien.
Der Mann mit der Pilzkopffrisur hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er einen eigenen Staat Katalonien anstrebt. Auch dann nicht, als diese Haltung in der Region noch unpopulär war: „Viele Katalanen wurden erst als allergische Reaktion auf Madrids Politik zu Befürwortern einer Unabhängigkeit – er nicht, er hatte schon immer diese Überzeugungen“, sagt sein Freund, der Schriftsteller Antoni Puigverd.
Politische Karriere zielstrebig verfolgt
In Puigdemonts Heimatdorf Amer, wo er am 29. Dezember 1962 als zweites von acht Kindern einer Bäckerfamilie auf die Welt kam, und in Girona, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, deren Bürgermeister er von 2011 bis 2016 war, galt er schon immer als Vorkämpfer für einen eigenen Staat Katalonien.
„Unsere Familie ist durch und durch für die Unabhängigkeit“, erzählt seine Schwester Anna, die heute die Bäckerei führt. „So lange ich mich erinnern kann, war Puigdemont so“, sagt Amers linksgerichteter Gemeinderat Salvador Clara. Zu seinen Überzeugungen stand Puigdemont auch, als er 1980 der liberalen Regionalpartei CDC seines Vorgängers Artur Mas beitrat. Damals strebte die CDC lediglich eine größere Autonomie von Madrid an.
Vor seiner politischen Karriere arbeitete Puigdemont als Journalist einer nationalistischen Regionalzeitung, gründete eine eigene regionale Nachrichtenagentur sowie eine englischsprachige Zeitung über die Region.
2015 wurde Puigdemont Vorsitzender der Vereinigung derjenigen Gemeinden, die sich für eine Unabhängigkeit einsetzen. Anfang Jänner 2016 wählte ihn das Regionalparlament dann zum Regierungschef von Katalonien.
Auftrebender Politiker als Dorn im Auge der Regierung
Als solcher war Puigdemont der Regierung in Madrid ein Dorn im Auge. Über Monate ignorierte er sämtliche Warnungen des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, das „illegale“ Referendum abhalten zu lassen. Am Tag der Abstimmung am 1. Oktober kam es schließlich zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Polizisten und Unabhängigkeitsbefürwortern.
Puigdemont gilt seiner Unabhängigkeitsagenda zum Trotz als weltoffen. Neben Spanisch und Katalanisch spricht er fließend Englisch, Französisch und Rumänisch – die Muttersprache seiner Frau, mit der er zwei Kinder hat.
Er sei ein unabhängiger Geist, der sich vor Veränderungen nicht fürchte, sagt sein Freund Puigverd. Doch ist Puigdemonts Bewegungsfreiheit derzeit stark eingeschränkt. Den Wahlkampf musste Puigdemont von seinem Brüsseler Exil aus betreiben.
Eine Rückkehr nach Spanien schloss er am Tag nach der Wahl zunächst aus. Zugleich zeigte er sich offen für einen Dialog mit der Zentralregierung in Madrid. Er sei bereit, Rajoy zu treffen – aber nur außerhalb von Spanien, wo ihm die Festnahme droht. (APA/AFP)