Skispringen

Diethart im Interview: „Da war unbeschreiblich viel Angst“

Erinnerungen an glanzvolle Tage: 2014 jubelte Diethart über den Tourneesieg.
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Der gefeierte Tournee-Held von 2014 bezeichnet sich zu Weihnachten 2017 als Problemkind. Schwere Stürze haben beim Skispringer nicht nur physische Narben hinterlassen.

Innsbruck — Die Weihnachtszeit genießt Skispringer Thomas Diethart bei seinen Eltern in Niederösterreich. In seiner Erfolgssaison 2013/14 blieb er in seiner Wahl-Heimat Tirol und feierte am 6. Jänner als absoluter Senkrechtstarter überraschend den Vierschanzentourneesieg.

Vier Jahre später ist alles anders. Nach seinem schweren Sturz beim Training am 29. November in der Ramsau steht der 25-Jährige vor der Entscheidung, wo sein Leben 2018 hinführt, schließlich wachte „Didl" nicht das erste Mal in der Intensivstation auf.

Wie geht es Ihnen?

Diethart: Soweit geht es mir ganz gut. Von der Kopfverletzung spüre ich gar nichts mehr. Das ist gut. Was die geprellte Schulter und Hüfte und meine gebrochene Rippe betrifft, bin ich noch eingeschränkt. Da tut mir noch alles weh.

Wie lange wird es dauern, bis die körperlichen Verletzungen ausgeheilt sind?

Diethart: Ich darf sechs Wochen überhaupt nichts machen und es stellt sich die Frage, wie es nach diesen sechs Wochen ausschauen wird.

Die körperlichen Verletzungen sind das eine, die seelischen das andere. Wie sieht es in Ihnen nach dem dritten schweren Sturz innerhalb von eineinhalb Jahren aus?

Diethart: Dadurch, dass ich nichts mehr von dem Sturz weiß, fühle ich mich ähnlich wie davor: also nicht eingeschränkt. Es ist zwar ein bisschen ein komisches Gefühl, nicht genau zu wissen, wie das Ganze passiert ist. Es gibt kein Video von dem Sturz, deswegen kann ich ihn auch nicht analysieren. Mit den Trainern habe ich über den Sturz noch nicht gesprochen.

Warum nicht?

Diethart: Meine Trainer, Florian Liegl und Arthur Pauli, waren gleich nach dem Sturz bei mir im Krankenhaus. Zu dem Zeitpunkt war ich aber noch ein bisschen benebelt. Seither ist sich keine Besprechung mehr ausgegangen. Die beiden sind unterwegs bei Wettkämpfen und ich bin mittlerweile bei meiner Familie in Niederösterreich. Ich habe mich entschlossen, mir über die Feiertage keine Gedanken über den Sturz zu machen. Wenn ich wieder in Innsbruck bin, werden wir das Ganze gemeinsam klären.

Sie wollen die Ursache also wissen?

Diethart: Ich möchte wissen, wie es ungefähr passiert ist. Ich glaube, dass es auch ein bisschen ein Materialproblem war. Ich habe die Tage davor im Training schon ein paar Probleme gehabt. Dann haben wir an Bindung, Ski und Schuh etwas ausprobiert, und dann war genau der Sturz.

War das Ihr schlimmster Sturz?

Diethart: Nein, der zweite Sturz, der in Stams (Mai 2016/Anm. der Red.), war der schlimmste. Er war drei Monate nach meinem ersten schweren Sturz beim Continental-Cup-Springen in Brotterode (GER/Anm. d. Red.). Dass man einmal stürzt, kommt vor. Das ist nicht so tragisch. Da war es auch windig. In Stams hingegen war es windstill. Danach habe ich mich gefragt: Was mache ich falsch? Es war der Knackpunkt, dass ich mir nicht mehr vertraut habe.

Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Diethart: Ich hatte Angst. Während des Sprungs war da unbeschreiblich viel Angst! Schon vor dem Sprungtraining befiel mich eine ganz bestimmte Aufregung. Ab und zu konnte ich vom Balken nicht wegfahren, musste die Anlaufspur noch einmal verlassen und habe bis zum erneuten Versuch ein paar Minuten Ruhe gebraucht.

Wie lange hat Sie diese Angst eingeschränkt?

Diethart: Relativ lange. Es ging den gesamten Sommer und den halben Winter 2016/17 noch so. Die Probleme waren so groß, dass ich keine Wettkämpfe springen konnte.

Sie hatten keine Ergebnisse und sind nach dem vergangenen Winter aus allen ÖSV-Kadern geflogen ...

Diethart: Aber mein Kopfsponsor und meine Skifirma haben mich weiter unterstützt. Ich konnte bei Arthur und Flo weiter am Stützpunkt in Innsbruck trainieren und das LRZ Eisenerz, wo ich als Kind war, hat mich auf Trainingskurse mitgenommen. Ich lebe von meinem Ersparten, beim jetzigen Lebensstil geht das noch eine Zeit.

Gab es einen bestimmten Tag, an dem Sie die Angst überwunden hatten?

Diethart: Das war bei den Österreichischen Meisterschaften Anfang Oktober. Ich hatte mich in Bischofs­hofen auf die Schanze getraut. Sie war bis dahin für mich so erschreckend wie Stams. Und in Villach bin ich von der Normalschanze dann Zehnter geworden. Da dachte ich mir: "Es geht doch!"

Sind die gesamten Erlebnisse der Grund, warum Sie sich Zeit mit der Aufarbeitung lassen?

Diethart: Genau. Ich weiß, wie es nach meinem ersten Sturz war. Ich durfte zwei Monate nicht trainieren. Aber gleich nach dem Sturz hat man angefangen zu planen, wie es weitergeht. Im Nachhinein denke ich, dass ich mir selber ein bisschen Stress gemacht habe. Jetzt lasse ich alles ausheilen und mache mir dann Gedanken darüber, wie es weitergeht.

Sprich': Der Tourneesieger von 2014 steht 2018 vor der Entscheidung zwischen Weitermachen und Aufhören?

Diethart: Sozusagen — das lasse ich mir offen.

Was sagt Ihr gegenwärtiges Gefühl?

Diethart: Ich fühle mich um einiges besser als nach dem Sturz von Stams und kann mir auf alle Fälle vorstellen, weiterzumachen. Das Potenzial wäre schon da. Die Frage ist, ob Freude und Motivation noch da sind.

Steigt mit Tournee-Beginn die Motivation oder die Wehmut?

Diethart: Derweil bin ich noch nicht wehmütig. Ich habe noch die lässigen Erinnerungen von damals. Ich werde in Innsbruck an die Schanze kommen und die Kollegen anfeuern. Der Plan wäre gewesen, wieder mitzuspringen. Aber dadurch, dass es jetzt passiert ist, muss ich sagen: blöd gelaufen. Derzeit kann ich mir nicht einmal die Socken selber schmerzfrei anziehen. Deswegen denke ich auch noch nicht weiter.

Aber Sie haben sich in der schwierigen Zeit weiterentwickelt, haben Sie einmal gesagt.

Diethart: Ich habe auf jeden Fall gelernt: Wenn man gut ist, sind viele Leute um einen herum, die sich kümmern wollen. Und wenn es nicht so gut läuft, sind sie weg. Da wo ich jetzt seit über einem Jahr bin, gibt es eigentlich so gut wie gar nichts mehr. Ich muss aber sagen, dass sich sehr, sehr viele Leute nach meinem Sturz gemeldet haben und alles Gute gewünscht haben. Da kristallisiert sich heraus, wer sich wirklich noch interessiert und wer sich gar nicht mehr interessiert.

Wie schmerzhaft sind solche Erfahrungen?

Diethart: Mir hat es nicht wirklich weh getan. Ich bin ein guter Menschenkenner. Ich habe von Anfang an gewusst, wer nur da ist, weil ich gut bin. Von dem her ist mir das ganz egal.

Was halten Sie von solchen Menschen?

Diethart: (lacht) Die sind mir komplett egal. Wenn er mit sich selber zurecht kommt, dann passt es wohl für ihn.

Auf wen können Sie sich verlassen?

Diethart: Auf meine Familie, die steht sowieso immer hinter mir! Und die Springerkollegen sind irgendwie auch eine Familie. Wichtig war, dass ich von den Innsbrucker Trainern, speziell von Arthur und Flo, immer die Unterstützung hatte. Auch mit Gregor (Schlierenzauer, Anm. d. Red.) bin ich in Kontakt. Ich freue mich immer, wenn er mir schreibt. Und ich schreibe ihm, dass ich mit ihm auf seinem Weg zurück mitfiebere. Das ist super.

Er hat auch einiges mitgemacht. Können Sie sich gegenseitig helfen?

Diethart: Helfen? Ich weiß nicht. In solchen Situationen ist man auf sich selbst gestellt. Gregor hat mit sich selbst viel zu tun, da kann man sich nicht noch um Problemkinder kümmern.

Warum bezeichnen Sie sich als Problemkind?

Diethart: Gerade bin ich doch eines und so sehen es auch die anderen Menschen.

Was ist der größte Unterschied vom gefeierten Didl zum gestürzten Thomas?

Diethart: Damals war ich von den Gedanken einfach geordneter. Es ist alles super gelaufen, ich war immer positiv eingestellt und so ist's dahingegangen. Und jetzt ist es so, dass sich alles im Kopf dreht.

Wird es zu Weihnachten ruhiger werden?

Diethart: Vom Kopf schon, aber daheim bei meinen Eltern geht es rund. Ich bin am 12. Dezember Onkel geworden. Da sind wir alle eingeteilt.

Wenn Sie selbst noch ein Kind wären, was wäre auf dem Wunschzettel an das Christkind gestanden?

Diethart: Durchschlafen ohne Schmerzen und alleine anziehen ohne Schmerzen. Die Schulter und die Rippe halten mich schon auf Trab.

Und was kommt bei den Dietharts auf den Tisch, um Sie kulinarisch zu verwöhnen?

Diethart: Es gibt Fondue und Fisch am 24. und 25. Dezember.

Und Kekse, wie auf dem Bild zu sehen ist ...

Diethart: Ja, aber ich fühle mich noch als Skispringer, darum bin ich, was die Ernährung betrifft, immer noch sehr strikt am Weg.

Das Gespräch führte Susann Frank

Die Familie ist derzeit Thomas Dietharts große Stütze.
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Beim Kekslbacken tankt Diethart über die Feiertage neue Kraft.
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