Finanzberatung: Maschine tritt gegen Mensch an
Wien (APA) - Seit Jahresanfang müssen Berater ihre Kunden sehr deutlich auf das Risiko und die Gesamtkosten einer Veranlagung hinweisen. Bei...
Wien (APA) - Seit Jahresanfang müssen Berater ihre Kunden sehr deutlich auf das Risiko und die Gesamtkosten einer Veranlagung hinweisen. Beim Risiko sind zwar alle gleich, auch die Entscheidung, welches Risiko jeder eingehen will, kann der Berater dem Kunden nicht abnehmen. Aber bei den Kosten kann eine computergestützte App Vorteile bieten. In diese Lücke will der digitale Finanzberater Finabro stoßen.
Während die jährlichen Kosten für die Verwaltung des Portfolios bei Banken meist zwischen zwei und drei Prozent des Vermögens liegen, garantiert Finabro - ab 10.000 Euro Vermögenswert - Vollkosten von einem Prozent des veranlagten Vermögens. Das gehe sich aus, weil das Start-up keine teuren Berater und Büros finanzieren muss, sagen die Gründer Oliver Lintner und Sören Obling.
Ihre App lässt den Kunden über einen Regler seine Risikobereitschaft eingeben. Je nach Eingabe weist Finabro eines von zehn Produkten zu - geordnet nach der Höhe des Risikos. Die laut EU-Regeln zulässigen Extremwerte werden dabei gar nicht erreicht - weder die Risikostufe Null, die einem Sparbuch entspricht, noch die Risikostufen 6 und 7, die nur mit kreditfinanzierten Finanzprodukten zu erreichen seien.
Sonderwünsche können bei Finabro nicht erfüllt werden, aber für 98 Prozent der Menschen - und 100 Prozent der Finabro-Kunden - passt das Standardprogramm, sind sich Lintner und Obling sicher. Wer glaubt, sich seine Mischung von Wertpapieren selber zusammenstellen zu können, sei bei Finabro ohnehin nicht richtig.
Laut dem seit 3. Jänner geltenden neuen Wertpapieraufsichtsgesetz (WAG 2018) muss ein Anleger von seinem Berater über sämtliche Kosten und Nebenkosten so informiert werden, dass er „die Gesamtkosten sowie die Wirkung auf die Rendite verstehen kann“, vermerkt die Finanzmarktaufsicht (FMA). Auch muss der Berater offenlegen, wenn er „abhängig“ ist, also aus dem Produkt, das er empfiehlt, eine Provision erhält. Jedes Produkt muss einer von sieben EU-weit definierten Risikoklassen (SRRI/Synthetic Risk and Reward Indicator) zugeordnet sein. Diese hält fest, wie stark der Kurs eines Wertpapiers in den vergangenen fünf Jahren geschwankt hat.
Grundsätzlich muss sich ein Anleger entscheiden, ob er nur eine einmalige Beratung will, oder sein Geld von einem Vermögensverwalter laufend betreuen lässt. Das hat Auswirkungen auf das Risiko seiner Papiere: Bei der einmaligen Beratung, muss jedes einzelne Papier zum Zeitpunkt der Beratung in die gewünschte Risikoklasse fallen, darf also kein höheres Risiko haben. Beim Vermögensverwalter hingegen, muss der Durchschnitt aller Papiere dem gewünschten Risiko entsprechen, das aber während der ganzen Veranlagungsdauer.
Verliert das Portfolio mehr als zehn Prozent an Wert, muss der Vermögensverwalter den Kunden warnen. „Die Idee ist, in der früh zu kontrollieren, um den Rest des Tages mit warnen zu verbringen“ so Lintner dazu.
Ändert sich die Risikoklasse des Portfolios, weil die Schwankungen der darin enthaltenen Papiere zunehmen, dann wird der Vermögensverwalter im Hintergrund aktiv und schichtet die Papiere auf weniger riskante Werte um. Da muss er aber nicht fragen. „Da muss ich nicht mit dem Kunden reden, er kriegt mit, wenn ich etwas geändert habe“, so Lintner. Da allgemein die Schwankungen in den letzten Jahren gering waren, dürften viele Produkte in Zukunft wieder riskanter werden, erwartet er.
Von den strikten Regulierungen in der EU ist aber auch ein Start-up wie Finabro nicht verschont. Daher muss man sich bei der Anmeldung durch neun Schritte durchkämpfen, dann erst darf Finabro einen persönlichen Veranlagungsplan erstellen. Das ist gesetzlich festgelegt.
Finabro gibt es als Unternehmen seit 2016, die von Lintner, einem ausgebildeten Vermögensverwalter, entwickelten Veranlagungsmodelle laufen aber seit 2004. Finabro hat neben den beiden geschäftsführenden Gesellschaftern fünf angestellte Mitarbeiter. Noch geht es um Wachstum und nicht den aktuellen Gewinn. Über Kundenzahlen oder veranlagtes Vermögen wollen die beiden nicht sprechen. Obling hält laut Firmencompass etwas mehr als die Hälfte der Anteile, Lintner fast ein Viertel, als größter externer Investor ist die Versicherung UNIQA mit 14 Prozent an Bord.
Menschen bleiben als Berater für komplexe Situationen wichtig, aber sie werden künftig nicht mehr die erste Anlaufstelle sein, so das Credo der beiden Jungunternehmer. Die erste Anlaufstelle sei inzwischen für viele ihre App am Handy. Der Mensch mag bei sozialer Emotion und „Gespür“ besser sein, aber für standardisierte Prozesse habe der Rechner die Nase vorn.