Mobilisierung der Sprache in Zeiten des Krieges
In Joe Wrights Historiendrama „Die dunkelste Stunde“ triumphiert Gary Oldman als britischer Kriegspremier Winston Churchill.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Einige Herzöge, die aus ihrer Sympathie für die Nazis kein Geheimnis machen, würden Adolf Hitler gern auf ihren englischen Landsitzen begrüßen. Für den britischen Premierminister Neville Chamberlain (Ronald Pickup), einen der Unterzeichner des Münchner Abkommens von 1938, scheint im Frühjahr 1940 der Zeitpunkt gekommen, mit Deutschland ein Friedensabkommen zu schließen. Lord Halifax (Stephen Dillane) erhöht mit seinen Kontakten zu den italienischen Faschisten den Druck. Für die britischen Patrioten ist die Vorstellung der Hakenkreuzfahne, die bald auf dem Buckingham Palast wehen könnte, natürlich unerträglich.
Während die britischen Generäle in einer seltsamen militärischen Bruderschaft die Nazi-Feldzüge durch Belgien bis Frankreich mit Respekt verfolgen, muss sich König George VI. (Ben Mendelsohn) einer neuen Koalition im Parlament beugen. Für die Labour Party gibt es nur einen einzigen Mann aus den Reihen der Konservativen, den sie an der Spitze eines Kriegskabinetts akzeptieren würden. Dieser Mann, dessen Name bei seinen Parteifreunden für Dekadenz, Verrat und Inkompetenz steht und daher nicht ausgesprochen werden darf, erhält in Joe Wrights Historiendrama „Die dunkelste Stunde“ einen phänomenal vorbereiteten Starauftritt, den Gary Oldman mit allen Finessen großer Schauspielkunst zuerst einmal als Fürst der Finsternis zelebriert. Beinahe verborgen unter der von Kazuhiro Tsuji („Planet der Affen“) konzipierten Maske schlürft Oldman als Winston Churchill im Bett sitzend zu seinem Frühstück den ersten oder zweiten Whisky, nimmt dazu ein paar Züge von seiner Zigarre und diktiert seiner neuen Sekretärin Elizabeth Layton (Lily James) einen Brief. Es ist der Morgen des 8. Mai 1940. Nach 25 Jahren der Schmach und der Niederlagen ist das der Tag der Auferstehung Winston Churchills als britischer Premierminister. Seine Ehefrau Clementine (Kristin Scott Thomas) ermahnt ihn, an seiner Persönlichkeit zu arbeiten, das Monster hinter dem liebenswerten Menschen verschwinden zu lassen. Aber wie sich der König bei der Angelobung nach Churchills Handkuss die Hand voller Ekel abwischt, wird diese Verwandlung wohl dauern.
Nach Christopher Nolans Kriegsdrama „Dunkirk“ ist Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“ der zweite Film, der die entscheidenden Tage der Evakuierung der über 300.000 britischen Soldaten in Nordfrankreich umkreist. Mit Lone Scherfigs „Ihre beste Stunde“ erschien im Brexitjahr 2017 sogar ein dritter Film über diese Kriegsereignisse, die 1940 den Blick der Briten auf Europa entscheidend verändert haben. Es war Churchill, der jedes verfügbare Boot beschlagnahmen ließ, um die Soldaten aus Dünkirchen zu retten, und er war es auch, der die 4000 Soldaten in Calais opferte, um die deutschen Panzerdivisionen abzulenken. Es war aber letztlich eine der großen Reden Churchills („We Shall Fight on the Beaches“), die im Parlament und auf den Straßen den Stimmungsumschwung brachte, sogar Chamberlain und den König zu seinen Anhängern machte. „Er hat die englische Sprache mobilisiert und in die Schlacht geworfen“, lässt der Drehbuchautor Andrew McCarten den fassungslosen Lord Halifax den patriotischen Vorgang kommentieren. Es war dann auch diese verführerische Redekunst, die Churchill 1953 den Literaturnobelpreis einbrachte. Es ist auch die Macht der Worte und Gary Oldmans Spiel, die in „Die dunkelste Stunde“ die größte emotionale Wirkung erzielt.