François Ozons bannt Schmerz und Begierde auf Leinwand
In François Ozons Erotikthriller „Der andere Liebhaber“ verirrt sich eine junge Frau im Spiegelkabinett ihrer Fantasien.
Innsbruck –Langsam löst sich das Objektiv der Kamera von der Betrachtung einer Gebärmutter, windet sich durch das medizinische Untersuchungsinstrument zurück. Über Chloés (Marine Vacth) Wange rinnt eine vom Schmerz verursachte Träne. Eine Ultraschalluntersuchung wird angedacht. Aber vielleicht haben die Schmerzen psychosomatische Ursachen, weshalb die Gynäkologin eine psychotherapeutische Behandlung empfiehlt. Schon nach wenigen Sitzungen bei Paul Meyer (Jérémie Renier) hat Chloé die meisten ihrer verdrängten Geheimnisse preisgegeben, aber es ist der Therapeut, der die Behandlung abbricht. Er hat sich in seine Patientin verliebt und in solchen Fällen ist die Überweisung an eine Kollegin oder einen Kollegen angebracht.
Chloé spürt eine Verbesserung, möglicherweise sind es jetzt auch die berühmten Schmetterlinge, die in ihrem Bauch rumoren. Aus Chloé, die bisher ihr Leben mit ihrem Kater Milo geteilt hat, und Paul wird ein Paar. Die ersten Zweifel am Liebestaumel tauchen allerdings schon nach wenigen Tagen auf.
Chloé entdeckt Paul auf der Straße mit einer Frau in einer Situation, die Nähe vermuten lässt, die sie für sich beansprucht. Außerdem scheint Paul dem Kater nach dem Leben zu trachten. Da Paul jeden Verdacht von sich weist, beginnt Chloé von Misstrauen und Eifersucht getrieben, im Leben ihres untreuen Geliebten zu recherchieren und stößt auf einen Zwillingsbruder, der ebenfalls eine psychotherapeutische Praxis betreibt. Im Gegensatz zu Paul kennt Louis keine ethischen Skrupel bei der Behandlung seiner Patientinnen. Chloé wird zur Gefangenen ihrer Fantasien in einer sadomasochistischen Beziehung, die mit ihren gewalttätigen Exzessen nur zu einem mörderischen Finale führen kann. „Der andere Liebhaber“ (nach einem Roman von Joyce Carol Oates) ist ein Erotikthriller.
Seit seinem Kinodebüt vor 20 Jahren hat der französische Regisseur François Ozon mit Thrillern, Komödien, Musicals und Beziehungsdramen so ziemlich alle Möglichkeiten des Filmerzählens ausprobiert, wobei jeder seiner Filme mit einer selten gewordenen formalen Eleganz und dazugehörigen filmhistorischen Verweisen als Ozon-Werk identifizierbar ist. In „Der andere Liebhaber“ gehören die Verweise zu Alfred Hitchcock, François Truffaut und vor allem David Cronenbergs Zwillingsfilm „Die Unzertrennlichen“. Es gibt keine Gewissheiten für Chloé und noch weniger für die Zuschauer auf dem Weg zum Verlust der Persönlichkeit, die sich in Spiegelscherben bricht und neu zusammengefügt wird. (p. a.)