Mitteleuropäisches Durchlavieren: Peter Roseis neuer Roman „Karst“
Wien (APA) - Zwischen der slowakischen Tatra und dem slowenischen Karst, zwischen Budapest und Wien, Triest, Piran und Venedig entfaltet sic...
Wien (APA) - Zwischen der slowakischen Tatra und dem slowenischen Karst, zwischen Budapest und Wien, Triest, Piran und Venedig entfaltet sich der neue Roman von Peter Rosei. „Karst“ ist eine grenzüberschreitend angelegte Rundschau der mitteleuropäischen Jetztzeit, in der sehr unterschiedliche Biografien verknüpft werden. Es ist eine Umbruchszeit, in der untergeht, wer sich nicht zu arrangieren versteht.
Im Karst versickert alles, das vergossene Blut ebenso wie der vergossene Schweiß. Der beständig wehende Wind nimmt auch alles mit sich und verwischt die Spuren. Ein idealer Schauplatz also für Vorgänge, die keine große Öffentlichkeit bekommen sollen. Ehe Rosei jedoch am Ende seines Buches einen Showdown im Karst inszeniert, bei dem sich verborgene Aggressionen und kriminelle Energien eruptiv entladen - in seinem offengelegten „Quellcode“ verweist der Autor auf einen Kriminalfall im Süden von Ohio als Inspiration -, entwickelt er in aller Ruhe verschiedene Lebensläufe und verbindet sie miteinander.
In der Kleinstadt Stary Smokovec in der Tatra lernen wir zunächst Herrn Direktor Soukup kennen, den wenig ambitionierten Leiter eines zum Gewerkschaftsheim umfunktionierten ehemaligen Hotels, dessen Tochter Jana sich mit dem im Kurorchester aufspielenden ungarischen Geiger Gabor Kelemen verheiratet und nach Budapest zieht. Während ihr Mann versucht, beruflich Fuß zu fassen, langweilt sich Jana zu Tode und lässt sich eines Tages in einem Café von einem fremden Mann ansprechen („Darf ich Sie auf etwas aufmerksam machen?“ - „Ja, worauf denn?“ - „Auf mich!“). Der aus Linz stammende windige Geschäftemacher Walter Gstettner nimmt sie mit nach Wien, wo das Paar einen schicken Bungalow in Hietzing bezieht.
In „Karst“ gibt es aber auch einen kurz vor der Pensionierung stehenden Wiener Kulturjournalisten namens Georg Kalman, der während eines Besuchs der Biennale Venedig mit Tonio, einem Kellner des Cafe Quadri, eine Affäre beginnt. Tonio ist ein Bauernbub aus Piran, der sich mit einem aus Bosnien stammenden Gondoliere mit Balkankriegsvergangenheit als Autodieb betätigt, ehe er von Spielschulden getrieben eines Tages bei Kalman in Wien vor der Türe steht. Weil Jana mittlerweile die platonische Geliebte Kalmans ist, entsteht schon bald eine Dreiecksbeziehung, die durch Einbeziehung Gstettners zum Viereck wird. Dieser hat sich beruflich umorientiert und „engagierte sich zunehmend im Migrationssektor, wie er das nannte. Ein Geschäft mit großem Einsatz und hohen Risiken, aber, ging alles gut, einer saftigen Rendite.“
Es ist nicht leicht, als Leser zwischen allen Figuren und Konstellationen den Überblick zu bewahren. Noch dazu hat es Rosei sichtbar darauf angelegt, sein Zeitengemälde der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart mit zarten Farben und flächiger Pinselführung zu malen anstatt mit klaren, kräftigen Konturen für Akzente zu sorgen. Rund um die unschlüssige, gleichsam als Katalysatorin fungierende Jana strampeln sich ihre männlichen Begleiter ab. Immer bedacht darauf, den Anschluss nicht zu verpassen, haben sie doch längst das Ziel aus den Augen verloren.
„Ich schreibe keine Literatur-Literatur. Ich möchte wissen, was hier vorgeht“, hatte der Autor in einem APA-Interview vor ein paar Jahren sein erzählerisches Credo formuliert. Ökonomie und Politik seien kein Naturereignis, sondern von Menschen gemacht und von nicht zu unterschätzenden Auswirkungen auf die Menschen. Was hier vor sich geht, versucht Rosei exemplarisch zu beschreiben. Da er sich (noch?) keinen rechten Reim darauf machen kann, verzichtet er bis zum - etwas überraschend kommenden - großen Finale auf Zuspitzung.
„Karst“ ist kein Polit-Thriller und kein Thesenroman. Es ist eine leise, leichtfüßige Zustandsbeschreibung. Am Ende knallt es dennoch. Damit ist jederzeit zu rechnen, scheint die Warnung zu sein, die Rosei seinen Lesern mitgibt. Die Gegenwart gleicht einer Karstlandschaft, anziehend und abweisend zugleich, schroff und unberechenbar. Leicht kann man in ihr verloren oder zugrunde gehen. Vorsicht ist geboten.
(S E R V I C E - Peter Rosei: „Karst“, Residenz Verlag, 176 Seiten, 22 Euro; Buchpräsentation am 5. April in der Alten Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9)