Das Wort Salchners gilt in der EU
Der Geschäftsführer der Regionalentwicklung Außerfern wurde von der EU-Kommission gebeten, als eine Art Resonanzboden der 2600 Leader-Regionen zu fungieren und den speziellen Tiroler Erfolgsweg zu erklären.
Von Helmut Mittermayr
Reutte, Brüssel –Manche Regionalentwickler verstehen sich als reine Fördertöpfe-Anzapfer, andere als das, was der Name schon sagt – und ungleich schwieriger ist. Der eine würde auf Wunsch einer Region sicher etwas Geld für einen Wanderweg auftreiben. Der andere – Günter Salchner – fragt sich hingegen, warum das Lechtal in Tirol an letzter Stelle der touristischen Statistik „Einnahmen pro Bett und Jahr“ zu liegen kommt. Nur 2000 bis 2500 Euro ist das Lechtaler Bett wert. Tirol erreicht im Schnitt 7000 bis 7500 Euro, das Tannheimer Tal 10.000 Euro. Also macht sich Salchner auf den (Lech-)Weg, um dies zu ändern. Mit jedem Betrieb muss gesprochen, Überzeugungsarbeit geleistet, Aufbruchstimmung geschaffen werden. „Das ist unheimlich komplex. Die ganze ,Geschichte‘ muss funktionieren, auch abseits der nackten Zahlen“, erläutert Salchner sein Narrativ, sein sinnstiftendes Erzählmotiv, aus dem ein Hebel für eine ganze Region werden soll.
Und wer seit 16 Jahren als Regionalentwickler so denkt und handelt, der bleibt nicht unbemerkt. Die EU-Kommision hat sich für die Neufestsetzung ihrer Förderprogramme entschlossen, auf die Meinung von Praktikern zu hören. Günter Salchner, Geschäftsführer der Regionalentwicklung Außerfern (REA), findet das „sensationell“. Unter anderem sicher auch deshalb, weil er der Praktiker ist, der 2600 Leader-Regionen aus 28 Mitgliedsstaaten seine Stimme geben wird. Der Reuttener bildet künftig eine Art Resonanzboden für Entscheidungsträger in Brüssel, denen der Tiroler Weg in puncto Entwicklung des ländlichen Raums schon länger ins Auge sticht – gemeinsam mit dem deutschen Sachsen.
Schon 2007 sprach der REA-Geschäftsführer das erste Mal für Österreich bei einer EU-Konferenz in Portugal. Und nun für das ganze ländliche Europa. „Das ist wirklich ein Privileg“, freut er sich über die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge weitergeben zu können. Vergangenen Oktober bei der European Week of Regions and Cities lauschte die EU-Kommission bereits das erste Mal seinen Ausführungen, bei denen er von Erfolgen, aber auch Shortcomings sprach, also auch von Systemfehlern. Salchner wurde schließlich nicht zum Schönreden nach Brüssel gebeten. Im November folgte eine Arbeitssitzung, am 6. Februar steht das nächste Meeting in Brüssel am Programm.
Angesprochen auf diesen persönlichen Erfolg, ist die Erklärung Salchners so komplex wie die Sachlage – und sein Denken. Ein Unterscheidungsmerkmal liege jedenfalls tief in der DNA der Tiroler Regionalentwicklung verankert. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern werde die Entwicklung des ländlichen Raumes nicht mit der agrarischen gleichgesetzt. Und damit auch die sicherlich gut gefüllten landwirtschaftlichen Fördertöpfe der EU als alleinige Quelle betrachtet. Soziales, Tourismus, Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaft – die Entwicklung des ländlichen Raums sei viel mehr als nur Landwirtschaft. In Tirol gebe es schon lange keine sektorale, sondern eine horizontale Ausrichtung. Alle EU-Strukturfonds würden beim Land koordiniert, alles gesamtheitlich angegangen – eine für Salchner äußerst positive österreichweite Ausnahmesituation. Die Frage sei zuerst immer, was zu tun und nicht welcher Topf passend sei. Außerdem praktiziert Salchner das One-Stop-Shop-Prinzip. Überall werde an bestehende Strukturen wie BH, AMS, TVB, Gemeinde u. v. m. angedockt. „Es gibt bei uns keine Parallelstrukturen oder Schattenkabinette. Dies passiert leider sehr vielen.“
Als weiteren Punkt nennt Salchner seine Erfahrung. Mit 16 Jahren bei REA sei er inzwischen ein Routinier. „Ich zähle schon zum alten Eisen“, lacht er. Wenn er sich umsehe, dann sehe er unter seinen Kollegen eine hohe Fluktuation. Der Job sei ein schwieriger Balanceakt, man könne zwischen gegenläufigen Interessen schnell zerrieben werden.
Salchner legt Wert darauf, dass er nicht alleine als die Stimme des ländlichen Raumes vor der EU-Kommission auftritt. Sein Tiroler Kollege Stefan Niedermoser von der Regio Pillerseetal-Leukental, als Gründer und Obmann des Vereins der Leader-Regionen Österreichs, und Christian Stampfer (Land Tirol, Abteilung Landesentwicklung und Zukunftsstrategie) seien mit im Boot.
Eine Kollegin aus Estland wollte das Positionspapier Günter Salchners zu „Innovation und ländlicher Raum“ sofort eins zu eins übersetzt haben. Noch nie habe jemand die Problematik so auf den Punkt gebracht, erklärte sie. Der doppelte Magister geht natürlich akademisch an die Aufgaben heran, aber nicht im Elfenbeinturm der reinen Lehre. Er will Prozesse begleiten, Systeme koordinieren, Finanzierungen sichern, integrativ tätig sein. Denn „draußen in der Erde zu wühlen“, sei untrennbarer Teil der Erfolgsgeschichte der Regionalentwicklung Außerfern.