Jenseits des Gartens Eden
Ida Hegazi Høyer erzählt in ihrem Roman von der „Galápagos-Affäre“ und dem Irrtum, der Natur menschlichen Willen aufzuzwingen.
Von Bernadette Lietzow
Wien –„Ich war immer schon sehr beeindruckt von Inseln, diesen kleinen Universen mit allen Dynamiken der großen Welt.“ Für ihren bei Residenz erschienenen und von Alexander Sitzmann kongenial übersetzten Roman „Das schwarze Paradies“ hat sich die Norwegerin Ida Hegazi Høyer ein ganz besonderes Eiland gewählt.
Anlässlich einer Reise nach Floreana, einer Insel des Galápagos-Archipels, so Høyer im TT-Gespräch, erfuhr sie von der geheimnisumwitterten „Galápagos-Affäre“ und traf innerhalb kürzester Zeit die Entscheidung, darüber eine Geschichte zu schreiben. „Diese Handvoll Menschen und deren extremer Drive haben mich fasziniert!“
Diese Faszination teilt die 1981 geborene Schriftstellerin mit dänisch-ägyptischen Wurzeln mit einigen Kollegen wie Georges Simenon und zuletzt Felix Mitterer, dessen Theaterstück zum Insel-Unglück im vergangenen Jahr in der Josefstadt Premiere feierte.
Immerhin treffen im Geschehen rund um den deutschen Arzt Friedrich Ritter, der sich mit seiner Lebensgefährtin in der Absicht, dem schnellen Berliner Leben zu entkommen, im Jahr 1929 auf den Weg in ein vermeintliches Elysium gemacht hatte, Liebe auf Verbrechen, Vision auf Ernüchterung und Freiheit auf vielfache Abhängigkeit.
Fünf Jahre später stirbt der Vegetarier Ritter an einer vermutlich absichtlich herbeigeführten Fleischvergiftung. Die zwielichtige österreichische Baronesse Eloise Wagner de Bousquet, die das Aussteigerleben Ritters wie das der später hinzugekommenen Familie Wittmer gehörig ins Wanken gebracht hat, verschwindet spurlos, ebenso ihr junger Liebhaber.
Sich widersprechende Berichte der Überlebenden nähren die Legendenbildung rund um diese tödliche Robinsonade bis heute. Ida Hegazi Høyer geht es jedoch weniger um die ungeklärten Todesfälle unter diesen Zivilisationsflüchtlingen als um die Frage nach der Natur des Menschen, wenn er sich ebendieser Natur hingibt. Ihr Protagonist, Carlo Ritter, reist ohne Frau an seiner Seite: Allein, vegetarisch und nackt, so möchte er 140 Jahre alt werden, inmitten der erträumten Üppigkeit des Inselparadieses.
Der schwarze Lavastrand, das dornig-undurchdringliche Grün, die ihm so gar nicht untertane Tierwelt, vor allem aber die ihn zunehmend irre machende Isolation stellt Høyer den Lesern in eindringlichen, traumhaften und erstaunlicherweise immer wieder von feinem Humor getragenen Bildern vor. Ritters unbeabsichtigtes Einswerden mit der sich ihm verschließenden Natur gipfelt da unter anderem in einer surrealen und beeindruckend zart wie abstoßend geschilderten Liebesbeziehung zu einer Riesenechse.
„Ich wollte erkunden“, so die Autorin, „wie weit man in extremer Einsamkeit gehen kann. Wir sind abhängig von anderen Menschen, um zu definieren, wer wir sind. Ritter sucht Zuneigung und erschafft sich die Idee, dass auch die Echse ihm gegenüber Gefühle verspürt.“ Subtilität und ein unbarmherzig genauer Blick kennzeichnen auch die weiteren Spielfiguren, mit denen die Gewinnerin des Literaturpreises der Europäischen Union 2015 ihr nunmehr sechstes Buch, das zugleich ihr Debüt im deutschsprachigen Raum darstellt, bereichert. Eine Kopf-Reise in das „schwarze Paradies“ lohnt sich.
Roman Ida Hegazi Høyer: Das schwarze Paradies. Aus dem Norwegischen von Alexander Sitzmann. Residenz, 224 Seite; 20 Euro.