Panik auf der „Titanic“: Gelungener Stapellauf im Bronski & Grünberg
Wien (APA) - Die Hauspostanlage war schuld am Untergang. Das kann nach Stapellauf der „Titanic“ im Wiener Bronski & Grünberg Theater als ges...
Wien (APA) - Die Hauspostanlage war schuld am Untergang. Das kann nach Stapellauf der „Titanic“ im Wiener Bronski & Grünberg Theater als gesichert gelten. Die Botschaft „Alle Maschinen auf minimale Kraft voraus“ erreichte den Maschinenraum nicht mehr rechtzeitig. Viele bisher streng gehütete Geheimnisse rund um die legendäre Katastrophe enthüllt Dominic Oleys turbulente Komödie, die gestern Premiere feierte.
„Progressiven Boulevard“ hat sich das Team um Alexander Pschill vorgenommen, das im November 2016 das ehemalige International Theatre in Wien-Alsergrund übernommen hat. „Wir setzen auf hohe Qualität und intellektuelle Herausforderung, wollen jedoch das Publikum nicht des Genusses berauben, den Theater unserer Meinung nach haben sollte. Das Programm soll aus bekannten Werken bestehen, aus deren Tiefen wir das Unbekannte schöpfen wollen.“ Auf die in den Tiefen des Ozeans ruhende „Titanic“ angewandt, heißt das: Kein Schlingerkurs zwischen E und U, sondern mit glühendem Heizkessel ohne Rücksicht auf Verluste geradewegs ins Gag-Gewitter, wo im Pointenhagel zwischen Eisbär und Eisberg ebenso kaum mehr unterschieden werden kann wie zwischen sinkenden und singenden Schiffen.
Oley beschäftigt sich dabei als Autor wie Regisseur weniger mit dem 1997 erschienenen Hollywoodfilm von David Cameron, sondern hat selbst ein paar verwickelte Handlungsstränge entworfen, die alle im „Bettenlager des zweiten Zwischendecks, dort, wo die Betten des zweiten Zwischendecks gelagert werden“, zusammengeführt werden: Der Präsident der White Star Line (Claudius von Stolzmann) hat einen gigantischen Aktienbetrug laufen, bei dem die Ankunftszeit der „Titanic“ in New York von entscheidender Bedeutung ist. Seine Frau Lorelei (Daniela Golpashin) möchte die Fahrt zu einem Seitensprung mit einem englischen Lord (David Oberkogler) nutzen, der seinerseits mittels eines fingierten Raubs eines wertvollen Diamantencolliers einen Versicherungsbetrug plant. Die große Liebesgeschichte zwischen der jungen Rose und dem Heizer Jake findet am Eisberg ein jähes Ende (doppelt gefordert: Thomas Kamper in einer Doppelrolle als Maschinist und Kapitän), da im Rettungsboot leider, leider nur Platz für Frauen, Kinder und Superreiche ist.
Ein wenig sozialkritischer Tiefgang muss schon sein, und so lässt Oley einen kubanischen Dieb (Boris Popovic) über Kommunismus und Kapitalismus philosophieren und hängt am Ende eine kleine Spezialausgabe von „Fox Tragic History“ an, in der Serge Falck als schleimiger TV-Reporter die alt gewordene Rose mit den Ereignissen von einst konfrontiert und die Entwicklungen von heute damit kontrastiert. Die „Titanic“ war nur der Anfang. Der Weltenlauf: ein einziger Kollisionskurs mit dem Wahren, Schönen und Guten.
Nach 75 Minuten ist das turbulente Treiben auf der von Bühnenbildnerin Kaja Dymnicki geschickt genutzten äußerst niedrigen Mini-Bühne auch schon wieder vorbei und man kann an die liebevoll mit Shabby Chic gestaltete Theaterbar wechseln. Alle hatten ihren Spaß, und Slapstick macht durstig. Jetzt wäre ein Whisky gut. Aber bitte mit Eis!
(S E R V I C E - „Titanic“ von Dominic Oley, Regie: Dominic Oley, Bühne: Kaja Dymnicki, Kostüm: Katharina Kappert. Mit: Alexander Braunshör, Serge Falck, Daniela Golpashin, Paul Graf, Thomas Kamper, Lisa-Carolin Nemec, David Oberkogler, Boris Popovic, Johanna Prosl, Claudius von Stolzmann, Thomas Weissengruber. Bronski & Grünberg Theater, Wien 9, Müllnergasse 2, Weitere Vorstellungen: 18. und 31. Jänner, 1./ 9./ 12./ 13. Februar, 1./ 2./ 8./ 25./ 28. und 29. März. Karten: 0681 / 20674540, www.bronski-gruenberg.at )