Neuerscheinung „Hilde & Gretl“ - Der Alltag macht uns fertig
Wien (APA) - Wer ein Haus kauft und es auch noch entrümpeln muss, wirft gewöhnlich ohne Bedauern weg, was er nicht brauchen kann. Nicht so P...
Wien (APA) - Wer ein Haus kauft und es auch noch entrümpeln muss, wirft gewöhnlich ohne Bedauern weg, was er nicht brauchen kann. Nicht so Peter Coeln. Gemeinsam mit seinem Freund, dem „ZIB-Anchorman“ Tarek Leitner, leerte der Besitzer der Galerie WestLicht sein neuerworbenes Haus in Gars am Kamp Stück für Stück. Entstanden ist daraus das Buch „Hilde & Gretl“: die Dokumentation zweier Leben im 20. Jahrhundert.
Die beiden Cousinen, die in der Reinharterstraße 100 in einem denkmalgeschützten Haus wohnten, müssen schrullig gewesen sein. Alles, was in ihr Haus hineinkam, blieb auch dort und wurde akribisch dokumentiert. Sie waren penible Chronistinnen ihres Lebens. So verewigte Gretl etwa fein säuberlich jedes Geschenk in einem Notizbuch, das eine der beiden zu den verschiedensten Anlässen bekam. Auch gemachte Präsente wurden notiert mit genauer Bezeichnung, dem Namen der Person und manchmal dem Preis.
Hunderte „Engerl“-Figuren zierten Tische, Regale und selbst an den Vorhängen waren sie mit Sicherheitsnadeln befestigt. Es fanden sich Kalender nahezu aller Jahrgänge des 20. Jahrhunderts mit tausenden Einträgen. An einem Tag im Jahr 2005 stand da etwa, dass sich der Staubsauger überhitzt hatte und exakt ein Jahr später, dass dieser Vorfall ein Jahr zuvor stattgefunden hatte. Alles im Haus der beiden Frauen hatte eine Ordnung, wenn sich diese auch nicht jedem auf den ersten Blick erschließen mochte. Dokumente, wie auch vieles andere, wurden mit Teilen von Nylonstrumpfhosen zusammengehalten. Darauf angebrachte Zettel verwiesen auf Dinge, die zwar dazugehörten, aber an anderer Stelle aufbewahrt wurden.
Die beiden Autoren spürten dieser Ordnung und der Banalität der Überreste der Leben von Hilde und Gretl nach, mit der Absicht mehr über diese beiden Cousinen zu erfahren, die Tisch und Doppelbett teilten. Sie selbst nannten es „hineinkriechen“ in die Welt der beiden Frauen, sie „stiadelten“ und staunten. Leitner hielt seine Erlebnisse und Fundstücke schriftlich fest, Coeln setzte seine Eindrücke in Fotografien um.
Gefunden haben sie eine Welt im Dornröschenschlaf. „Das große Ausräumen haben diese Räume nie erlebt.... Hundertfünfzig Jahre sind die Ansammlungen des Lebens zusammengebunden, gestapelt und abgelegt worden“, ist zu lesen. Nicht das Besondere, Außergewöhnliche präsentierte sich den Männern in diesem einen Jahr des behutsamen und respektvollen Entrümpelns, sondern das Alltägliche in tausenden Dingen, in Zetteln, Fotos, Dokumenten und Unmengen an Gegenständen.
Was nicht heißt, dass Leitner und Coeln nicht auch auf Dramen im Leben der Frauen stießen. Doch „der Alltag ist es, der uns fertig macht“, ist das Fazit der Autoren. Das Haus zeige anhand eines akribischen, wenn auch „verrückten“ Ordnungssystems, wie man über einen langen Zeitraum Sicherheit und Stabilität in seinen eigenen vier Wänden schafft.
Neben der Beschreibung seiner Eindrücke unternimmt Leitner immer wieder Ausflüge auf die Metaebene, schreibt etwa über die Konsumgesellschaft oder die Kulturtechnik des Aufhebens. Auch einen Einblick in die Welt österreichischer Idiome und Dialektwörter gibt er. Besonders das „Klumpert“ und die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten des Wortes haben es ihm im Anbetracht seiner Tätigkeit als Entrümpler und Bewahrer des Hauses Reinharterstraße 100, Gars am Kamp, angetan.
(S E R V I C E - Tarek Leitner, Peter Coeln: „Hilde & Gretl - Über den Wert der Dinge“, Brandstätter Verlag, 144 S., 25 Euro)
(Produktinfo: ISBN 978-3-7106-0213-9)