Olympia-Frieden mit Nordkorea sorgt für Kontroversen in Südkorea
Seoul/Pjöngjang/Pyeongchang (APA) - Die südkoreanische Regierung sieht durch die Teilnahme und Präsenz nordkoreanischer Vertreter an den Oly...
Seoul/Pjöngjang/Pyeongchang (APA) - Die südkoreanische Regierung sieht durch die Teilnahme und Präsenz nordkoreanischer Vertreter an den Olympischen Winterspielen, die in drei Wochen in Pyeongchang eröffnet werden, eine unwiederbringliche Gelegenheit, das Verhältnis zum feindlichen Nachbarn zu entspannen. Was international begrüßt wird, ist aber in Südkorea selbst höchst umstritten.
Nach Monaten in einer weiteren Eskalationsspirale mit nordkoreanischen Raketen- und Atomtests, der erneuten Verschärfung der UNO-Sanktionen gegen das stalinistische Regime in Pjöngjang und mit persönlichen Beleidigungen gespickten Drohungen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un haben die ersten direkten Gespräche zwischen Nord- und Südkorea seit zwei Jahren eine Annäherung gebracht.
Ort der Klimaverbesserung soll Olympia sein. IOC-Präsident Thomas Bach lobte den „großen Schritt vorwärts im Olympischen Geist“. Kritiker in Südkorea - die Opposition und betroffene Sportler - meinen aber, dass die Regierung nationale Interessen auf dem Altar der angestrebten „Friedens-Spiele“ leichtfertig opfert. Und auch die Bevölkerung ist ob der plötzlichen Annäherung gespalten.
Ein Stein des Anstoßes ist die „Wiedervereinigungsflagge“, die die Landkarte von ganz Korea in Blau auf weißem Grund zeigt. Wenn Athleten aus Nord- und Südkorea als gemeinsames Team bei der Eröffnungsfeier am 9. Februar zusammen einmarschieren, soll sie statt der beiden Nationalfahnen vorangetragen werden. Dabei ist das Szenario eines friedlich vereinigten Korea nach Jahrzehnten der Trennung und des formellen Kriegszustands nicht in Sicht.
Die regierenden, liberalen Demokraten von Präsident Moon Jae-in sehen in dem Fantasie-Emblem ein Zeichen für ein Friedens-Momentum, für die von Konservativen dominierte Opposition ist das angesichts des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms ein Hohn und eine Verletzung des Nationalstolzes. „Dass wir Gastgeber von Olympia geworden sind, geht auf die langen Bemühungen aller Menschen hier zurück. Wir haben es uns verdient, unser Nationalsymbol der Welt zu zeigen“, sagte der Chef der Volkspartei, Ahn Cheol-soo. „Nicht viele werden verstehen, dass das südkoreanische Team nicht mit der eigenen Fahne einmarschieren kann, ergänzte Yoo Seong-min von der Bareun-Partei. Kim Sung-tae von der Freiheitspartei warnte vor einer „Selbsthypnose durch die vorrübergehende Versöhnung“. Ein Fest für die Welt dürfe nicht zu einem Fest für Diktator Kim werden, formulierte sein Parteikollege Chang Je-wom.
Sportminister Do Jong-hwam beschwichtigt demgegenüber: Mehr als neun mal, sei man schon gemeinsam mit der „Wiedervereinigungsflagge“ aufgetreten - so etwa bei den Winterspielen von Turin 2006. Den Frieden auf der koreanischen Halbinsel durch den Sport voranzutreiben sei doch erstrebenswert. Aber die Südkoreaner sind gespalten. Die englischsprachige Zeitung „The Korea Herald“ zitierte am Freitag eine Umfrage: Für die weiß-blaue Flagge sind 40 Prozent, 50 Prozent sind dagegen.
Für Unmut sorgte Minister Do mit Beschwichtigungen auch bei der Eishockey-Damenmannschaft. Laut Vereinbarung mit dem Norden sollen fünf bis sechs - nicht für die Spiele qualifizierte - nordkoreanische Spielerinnen bei Olympia zum südkoreanischen Team stoßen. Als massive Kritik vonseiten der aus Kanada kommenden Trainerin Sarah Murray kam, dass südkoreanische Spielerinnen weniger Zeit auf dem Eis hätten und ihre Erfolgschancen geschmälert wären, da das reibungslose Zusammenspiel mit plötzlichen Neulingen, die ganz anders trainieren, beeinträchtigt würde, goss auch noch Ministerpräsident Lee Nak-yon Öl ins Feuer: Südkorea habe in dieser Disziplin sowieso keine Medaillenchancen.
Präsident Moon selbst musste ausrücken, um die Wogen zu glätten: „Das gemeinsame Team bedeutet mehr, als den Norden zur Olympia-Teilnahme zu bewegen. Es könnte der Beginn viel besserer innerkoreanischer Beziehungen sind.“ Aber auch die Eishockey-Damen aus der Schweiz, die mit Südkorea im Olympischen Bewerb in einer Gruppe antreten, zeigten sich wenig begeistert. Verbands-Sprecher Janos Kick sprach von Wettbewerbsverzerrung und mangelnder Fairness.
Kopfschütteln löste auch die Abmachung zwischen Seoul und Pjöngjang aus, dass Skirennläufer beider Länder bereits kommende Woche in Nordkorea gemeinsam trainieren sollen. Das 2013 eröffnete Masikryong Skigebiet mit zehn Hängen und rund 400 Hotelplätzen gilt als Beispiel für Inhumanität und Verschwendung des Regimes von Kim, der inkognito in der Schweiz in die Schule ging und dort angeblich auch gern die Pisten besuchte.
Schätzungen zufolge soll es 35 Millionen Dollar gekostet haben, und laut dem US-Sender NBC sollen Kinder zu seiner Errichtung herangezogen worden sein. Es soll offensichtlich Ausländer anziehen, die dem weitgehend abgeschotteten Nordkorea wichtige Devisen bringen, was aber bisher nicht im gewünschten Ausmaß der Fall sein dürfte. Die südkoreanische Opposition sieht in dem gemeinsamen Training einen Missbrauch für nordkoreanische Propaganda.
Überhaupt stellt sich bei der Olympia-Teilnahme Nordkoreas die Frage, ob dadurch nicht UNO-Sanktionen verletzt werden. Denn die südkoreanischen Skiläufer sollen für ihr Erscheinen in Masikryong gleich einmal kräftig zahlen. Das könnte ein Verstoß sein. 400 bis 500 Nordkoreaner sollen inklusive Fans und einer Musik- und Tanztruppe zu Olympia anreisen. Wer das finanziert, ist bisher unklar. Leiten soll die Delegation möglicherweise die „Nummer zwei“ Nordkoreas, Choe Ryong-hae.
Er ist wegen seiner Rolle beim Atom- und Raketenprogramm von Südkorea auf eine Schwarze Liste gesetzt worden. Ein Außenamtssprecher in Seoul betonte am Donnerstag, dass die Regierung bei der nordkoreanischen Olympia-Teilnahme auf keinen Fall internationale Regeln verletzen werde. Die offenen Fragen soll nun am Samstag in Lausanne mit dem IOC abschließend besprochen werden. Qualifiziert für Pyeongchang 2018 hat sich aus Nordkorea eigentlich nur ein Eiskunstlaufpaar, das aber Anmeldungsfristen versäumt hat. Nun könnten Nordkoreaner in bis zu vier Bewerben antreten. Über Kontroversen in der Sache in Nordkorea, weiß man aus dem Führer-Staat indes nichts.