Hugo Portisch: „Journalisten sind auch nur Menschen“
Hugo Portisch ist einer der bedeutendsten Journalisten Österreichs. Der ORF hat nun mit ihm die Doku-Reihe „Die Welt und wir“ über die USA, Russland, China und Europa produziert.
ORF-III-Chef Peter Schöber sagt: „Hugo Portisch ist wie kein anderer geeignet, die Zeitenwende, in der wir leben, nicht nur aus dem Jetzt zu erklären. Da stimmen jede Formulierung, jede Zeile und jedes Wort auf den Punkt.“ Wie sehen Sie diese Zeitenwende?
Hugo Portisch: Als eine, die uns alle angeht. Donald Trump hat gesagt, er würde die westlichen Demokratien nicht mehr schützen. Das ist bisher in Europa irgendwie untergegangen. Untergegangen ist auch, was Amerika für uns bedeutet hat – und vielleicht wieder bedeuten könnte.
In Ihrer Doku wird zum Beispiel der Marshall-Plan angeführt?
Portisch: Ja, und damals hat Österreich pro Kopf mehr Marshall-Hilfe bekommen als alle anderen Länder. Insgesamt über eine Milliarde Dollar, das wären heute rund zwölf Milliarden Euro. Zwei davon sind noch immer vorhanden und werden weiter verliehen. Bedingung der Amerikaner war, dass in Europa eine Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit gegründet werden sollte. Daraus ist letztendlich die EU entstanden.
Wie beurteilen Sie die bisherige Regierungszeit von Donald Trump? Wenn Sie ihn treffen würden, was wäre Ihre erste Frage an ihn?
Portisch: Ich würde fragen: „Glauben Sie wirklich, dass es richtig ist, was Sie tun? Wenn Sie ‚America First‘ sagen, meinen Sie nicht nur sich selbst?“
Ihre Meinung dazu?
Portisch: Er hat alles gemacht – für den eigenen Machterhalt.
Wie viel Trump können die USA noch aushalten?
Portisch: Ich denke, relativ viel. Denn es ist nicht leicht, einen Präsidenten loszuwerden. Zumal er ja seine Wähler gut bedient. Die werden sagen: „Ja, er ist der richtige Mann für uns!“ Es kommen ja regelmäßig Zwischenwahlen. Da wird man sehen.
Ist es nicht so, dass in der Politik heute große, bedeutende Persönlichkeiten fehlen?
Portisch: Das politische Personal der Welt ist in der Tat nicht das beste zurzeit. Nirgendwo. Und Donald Trump hat bewiesen, dass in den USA jeder kann. Auch Jimmy Carter hat das einst bewiesen. Der war ja Erdnussfarmer. Wenn einer prominent ist und Versprechen einhält, ist er auch schon Kandidat.
Starmoderatorin Oprah Winfrey hat sich jüngst ins Gespräch gebracht. Sie wäre im Fall des Falles die erste Frau auf dem Präsidentensessel. Glauben Sie, dass jemand aus der journalistischen Branche das bewerkstelligen könnte?
Portisch: Journalisten sind auch nur Menschen. Mir ist mein Beruf so wichtig und so überragend, dass ich ihn nie gegen ein politisches Amt tauschen wollte. Aber wenn es jemanden reizt und er sich dazu für fähig hält ...
Österreich hat eine neue, türkisblaue Regierung. In Europa herrscht darüber da und dort Verunsicherung. Zu Recht?
Portisch: Nein. Es erfreut vielleicht nicht jeden, entspricht aber dem Wahlergebnis. Was Sebastian Kurz gemacht hat, hätte vielleicht auch Herr Kern gemacht. Aber der schien nicht mehr zu wollen oder zu können. Vielleicht hat sich seine Seite grundlegend falsch verhalten. Über lange Zeit.
Sind Sie, angesichts der erwähnten Zeitenwende, Optimist oder Pessimist?
Portisch: Ich bin prinzipiell immer optimistisch. Denn mit Pessimismus kann man keine Welt retten. Ich meine damit vor allem die, die es machen könnten oder müssten. Nicht mich.
Ihr besonderer Wunsch für die Zukunft?
Portisch: Ein Europa, das zusammenfindet. Ein solidarisches, gemeinsam handelndes Europa.
Was ärgert Sie in diesem Zusammenhang besonders?
Portisch: Die ehemaligen Ostblockstaaten. Statt dass sie froh sind, dass man ihnen geholfen hat, torpedieren sie Europa und behandeln Brüssel so, wie sie früher Moskau gerne behandeln hätten wollen.
Das Gespräch führte Ludwig Heinrich
Die Ikone Hugo Portisch
Mit seinen legendären TV-Dokumentationen „Österreich I“ und „Österreich II“ schrieb der Ausnahmejournalist Hugo Portisch österreichische Fernsehgeschichte. 1927 in Pressburg, Slowakei, geboren, zog der Sohn zweier Österreicher erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Österreich, um in Wien Geschichte, Germanistik, Anglistik und Publizistik zu studieren.
Ab 1948 arbeitete Portisch als Redakteur verschiedener Zeitungen, unter anderem als Chef-Redakteur des Kurier, bis er 1967 als Chefkommentator des ORF anfing. Von da an schien er an allen Schauplätzen der Weltpolitik gleichzeitig zu sein. Legendär sind seine Live-Berichte und Analysen zu den brennenden politischen Themen der Zeit.
Er schaffte es, bei den österreichischen Zusehern die Neugier für internationale Themen zu wecken. Eine Neugier und Begeisterungsfähigkeit, die vor allem bei Hugo Portisch selbst im Übermaß vorhanden ist.
Abseits der aktuellen Berichterstattung reiste Portisch um die Welt, um für den ORF ausführliche Dokumentationen etwa über China, Kuba oder mehrere Länder Afrikas zu drehen.
Der erste Teil der vierteiligen ORF-III-Fernsehreihe „Die Welt und wir: USA“ ist noch wenige Tage unter tvthek.orf.at zu sehen. (TT)