Kammerspiel mit Tiefgang: „Saturn kehrt zurück“ im Vestibül

Wien (APA) - Wie der Saturn einmal alle 30 Jahre nach der Umrundung der Sonne wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, wirft US-Autor Noa...

Wien (APA) - Wie der Saturn einmal alle 30 Jahre nach der Umrundung der Sonne wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, wirft US-Autor Noah Haidle in seinem Stück „Saturn kehrt zurück“ Schlaglichter auf prägende Momente eines Menschenlebens. Die junge Regisseurin Sara Abbasi hat das Stück im Vestibül des Burgtheaters inszeniert, das bei seiner österreichischen Erstaufführung am Samstag gefeiert wurde.

Es ist ein tristes Setting, in dem der 88-jährige Gustin auf den Tod wartet: Durch das Milchglas der Fenster dringt kaum Licht, der in der Mitte des Raums befindliche Wintergarten ist zugewuchert, an die Wände sind Ballettstangen geschraubt, an denen er sich mühsam durch den Raum hangelt. Einziges Möbelstück auf der Bühne von Sarah Sassen ist ein Rollator, auf dem sich Gustin bisweilen niederlässt und den Echos dieses Hauses lauscht, in dem sein Erwachsenenleben einst so hoffnungsvoll begonnen hat.

Rudolf Melichar ist einer von drei Schauspielern, die Gustin im Alter von 28, 58 und 88 Jahren spielen. Als Ältester in der Runde eröffnet er den Abend: An seiner Seite die Pflegerin Suzanne, die er auf der Suche nach Gesellschaft im Telefonbuch gefunden hat, nachdem ihm weder ein Installateur noch ein Computerfachmann die erhoffte menschliche Zuwendung entgegenbringen konnte. Doch auch Suzanne (Irina Sulaver) hat nicht wirklich Lust, die ewig gleichen Witze des Mannes zu hören und ihm täglich die perfekte Eierspeise zuzubereiten.

Erst, als er beginnt, von seiner verstorbenen Tochter Zephyr zu erzählen, wird sie neugierig. Sie und die bei ihrer Geburt verstorbene Mutter sind die Gründe, warum Gustin bis zum Schluss im Haus bleiben will, anstatt in einem Altersheim mit Gleichaltrigen „schneller zu sterben“. Er kann die beiden noch spüren, hier in diesen vier Wänden, die einst ein Zuhause werden sollten. Immer wieder werden diese Echos dann auch lebendig: Peter Knaack tritt als 58-jähriger Gustin auf und windet sich vor einem von der Tochter arrangierten Blind Date. Auch Zephyr wird von Irina Sulaver gegeben, die im Laufe des Abends immer wieder blitzschnell zwischen den Frauenrollen wechselt und sich mithilfe eines Haargummis, einer Bluse und einem Kaugummi jeweils in die Andere verwandelt.

Das Echo zeigt uns jenen Tag, an dem die Tochter ihren Vater verlassen will, um in die Welt zu ziehen (wo sie bald darauf bei einem Unfall ums Leben kommen wird). Auch der Tag 30 Jahren zuvor war schicksalhaft: Tino Hillebrand als 28-jähriger Gustin lässt seine Ehefrau Loretta den ganzen Tag allein, um als Radiologe im Krankenhaus zu arbeiten. Ihr bleiben lediglich die Telefonate mit ihrer Mutter, der Haushalt und die Küchenuhr, der sie beim Warten auf ihren Mann weinend lauscht. Doch an diesem Abend geht das junge Paar aus. Es ist jener Abend, an dem Zephyr gezeugt werden wird. Neun Monate später stirbt Loretta und Gustin wird zum alleinerziehenden Vater.

Noah Haidles Stück lebt von den knappen Dialogen, dem Aneinander-Vorbeireden und jener Schauspielerin, die alle drei Frauen zu spielen hat. Regisseurin Abbasi, die hier ihre erste Regie am Burgtheater abliefert, treibt die Oberflächlichkeit der Kommunikation auf die Spitze, indem sie die Schauspieler sich ständig ins Wort fallen lässt, manche Textzeilen werden so schnell und leise abgespult, dass man ihnen die Jahrzehnte der Wiederholung anmerkt. Irina Sulaver führt trittsicher durch den Abend, verleiht jeder Rolle ein gewisses Extra, ohne zu übertreiben: Egal ob als gelangweilte Pflegerin, aufmüpfige Tochter oder naive Ehefrau - jede Frau versteht es auf ihre Art, mit dem verschrobenen Gustin umzugehen. Dieser entwickelt sich vom unsicheren Jung-Ehemann Hillebrand in einen in allen Belangen von der Tochter abhängigen Eigenbrötler Knaack und schließlich in den 88-jährigen Melichar, der zwischen Gedächtnislücken und Wehmut auch sehr viel Charme versprühen kann.

Es ist ein Abend, der die Einsamkeit genauso behutsam untersucht wie die Liebe. Ein Kammerspiel mit Tiefgang, kurzweilig in den Dialogen und berührend in den Tiefpunkten von Beziehungen. Das Publikum feierte Ensemble, Regie und Autor nach rund 90 Minuten ausgiebig.

(S E R V I C E - „Saturn kehrt zurück“ von Noah Haidle im Vestibül im Burgtheater. Regie: Sara Abbasi. Mit Rudolf Melichar, Peter Knaack, Tino Hillebrand und Irina Sulaver. Bühne: Sarah Sassen, Kostüme: Leonie Zykan. Weitere Termine: 24. und 27. Jänner, 4., 7., 26. und 28. Februar. Karten und Infos unter www.burgtheater.at oder Tel. (01) 5131513)

(AVISO: Bilder zu der Produktion hat die APA am18. Jänner gesendet, sie sind im AOM abrufbar)