Resonanzen-Eröffnung: Savall macht uns Erasmus zum Zeitgenossen
Wien (APA) - Er eiferte gegen den Krieg, er zähmte den Hass gegen andere Völker, er argumentierte gegen die Glaubensspaltung: Erasmus von Ro...
Wien (APA) - Er eiferte gegen den Krieg, er zähmte den Hass gegen andere Völker, er argumentierte gegen die Glaubensspaltung: Erasmus von Rotterdam wurde gestern, Samstag, Abend im Konzerthaus zum Zeitgenossen gemacht: Durch Karl Markovics, der in die Rolle des humanistischen Gelehrten schlüpfte, und durch Jordi Savall, der das Resonanzen-Festival mit einem traumwandlerischen Trip in die Renaissance eröffnete.
Der Grandseigneur der ganz alten Musik hat in Wien - wie überall auf der Welt - eine glühende Fangemeinde. So wie das Resonanzen-Festival selbst, ein musikalischer Selbstläufer mit treuem Publikum, das in der Regel nicht mit dem Programmheft des Abends, sondern gleich mit dem dicken Festivalbuch unter dem Arm in die Themenwoche startet. Heuer ist das Motto „Eurovisionen“: Eine Spurensuche nach Europa, seinem Gründungsmythos, seinem irgendwo grundgelegten Wertegerüst, tief in den Ideen und Idealen unserer Zivilisation. Vor dem prall gefüllten großen Saal gibt es kaum Berufenere für diese Detektivarbeit als den musikhistorischen Magier Jordi Savall.
„Lob der Torheit“ hieß der Abend und dieser Text des Erasmus von Rotterdam, in dem sich der Theologe hinter der Narrheit als Erzählerin versteckt und in ihrem ironischen Selbstlob allerlei bittere Kritik an Fürsten und Kirchenmännern, an Kriegstreibern und falschen Moralaposteln üben konnte, bildete auch den Rahmen dieses ungewöhnlich konstruierten Konzerts. Schauspielerin Regina Fritsch gab eine etwas schrille „Torheit“, Karl Markovics las aus Briefen des Erasmus, Markus Hering agierte als Erzähler sowie als Stimme von Zeitgenossen wie Martin Luther oder Niccolo Machiavelli.
In chronologischer Abfolge porträtierten die Texte einen Denker, der dem Humanismus „den Weg in die Sprache gewiesen“ hat, wie Stefan Zweig es formulierte und dabei den Königsweg der harschen Diagnose, den Humor, längst beherrschte. Musikalisch angeleitet wurde das Unterfangen von Savalls Ensembles Hesperion XXI und La Capella Reial de Catalunya, eine Gruppe von unerschütterlichen Spezialisten alter Instrumente und Vokaltechniken, die sowohl zwischen als auch während der Lesungen in einen trancehaft ununterbrochenen, stets exquisiten Parforceritt durch die Musik des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts verfielen.
Von Josquin Desprez bis Carlo Gesualdo, von Heinrich Isaac bis zu Erasmus‘ Totenklage von Benedictus Appenzeller, von osmanischen Volksliedern über sephardische Klagegesänge und christliche Choräle: Da wird Erasmus vom fernen Philosophen, über dessen Zeitgeistigkeit man staunen kann, zum tatsächlich gegenwärtigen Spiritus Rector. Die Resonanzen sind eröffnet. Langer Applaus.
(S E R V I C E - www.konzerthaus.at)