Syrische Region Afrin wird zum Spielball der Großmächte

Afrin/Istanbul (APA/AFP) - Mit dem türkischen Vormarsch gegen die syrischen Kurden in Afrin ist ein ohnehin komplexer Konflikt in Syrien noc...

Afrin/Istanbul (APA/AFP) - Mit dem türkischen Vormarsch gegen die syrischen Kurden in Afrin ist ein ohnehin komplexer Konflikt in Syrien noch verworrener geworden. Die Türkei will mit der Operation „Olivenzweig“ die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) vertreiben, da diese eng mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbunden sind, die seit Jahrzehnten gegen den türkischen Staat kämpft.

Zugleich will sich Ankara damit aber bei den Friedensgesprächen in Sotschi und Genf ein Mitspracherecht für die Nachkriegsordnung in dem Nachbarland sichern.

Mit dem Militäreinsatz jenseits der Grenze verfolgt Ankara ein hartes Machtkalkül. Für Magdalena Kirchner von der Mercator-Stiftung in Istanbul geht es Ankara darum, den USA und Syriens Machthaber Bashar al-Assad sowie dessen Verbündeten Russland und Iran eine deutliche Botschaft zukommen zu lassen - nämlich, „dass die Türkei ein wichtiger Player ist, dessen Interessen nicht übergangen werden dürfen und dessen Zustimmung zum Verbleib Assads im Amt nicht ohne Konzessionen der anderen Parteien zu bekommen ist“.

Es wird allgemein angenommen, dass Russland der türkischen Offensive im Voraus zugestimmt hat. Im Gegenzug, so nimmt Kirchner an, hat Ankara eine „territoriale Begrenzung der Operationen“ zugesagt. Auch dürfte die Türkei eingewilligt haben, die russisch-syrische Offensive gegen die verbliebenen Rebellen und Al-Kaida-Verbände in der Nachbarprovinz Idlib zu tolerieren.

Die Kurden haben nun die syrische Regierung um Hilfe angerufen. Von Assad können sie aber keine Hilfe erwarten: Ebenso wie Russland lässt der Präsident in Damaskus die Türkei gewähren.

Laut Kurdenvertretern hatte Moskau ihnen vor Beginn des Einsatzes Schutz angeboten, wenn sie eine Rückkehr der syrischen Regierungstruppen nach Afrin akzeptierten. Da sie dies abgelehnt hätten, habe Russland der Türkei freie Hand gelassen.

Für die Kurden kommt es nicht infrage, sich Assad wieder zu unterwerfen, nachdem sie sich weitgehende Autonomie erkämpft haben. Für sie sei „die Rückkehr des alten Regimes eines der schlimmsten Szenarien“, sagt der Kurden-Experte Mutlu Civiroglu. Zuvor seien sie Bürger zweiter Klasse gewesen, heute seien sie dagegen Herren ihrer eigenen Entscheidung.

Laut Kirchner hat Assad kein Verständnis für kurdische Autonomiebestrebungen. Langfristig werde Damaskus „wohl darauf bestehen, das Gewaltmonopol auch in den Kurdengebieten wieder herzustellen - zur Not auch in Zusammenarbeit mit der Türkei“, sagt sie. Wenn die YPG geschwächt werde, sei dies nur im Interesse Assads.

Für die Türkei hat die Eindämmung der Kurden längst Priorität vor dem Sturz Assads. Zwar beharrt Syriens Opposition weiter auf Assads Rückzug - doch ist sie viel zu schwach, um dies durchzusetzen. Ankara unterstützt zwar noch immer die Opposition, doch arbeitet sie zugleich mit Assads Verbündeten bei Friedensgesprächen in Astana und Sotschi an einer politischen Lösung.

Den USA wiederum geht es in Syrien vor allem um die endgültige Zerschlagung der Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS). Dafür sehen sie die YPG als unverzichtbaren Verbündeten, auch wenn sie damit den Zorn der Türkei auf sich ziehen. Auch nach dem Sieg über die IS-Miliz will Washington trotz aller Proteste ihres NATO-Partners an dem umstrittenen Bündnis festhalten.

Der Zorn Ankaras ist den USA gewiss: Die Türkei habe es als Demütigung empfunden, dass die USA bei der Rückeroberung der IS-Hochburg Raqqa auf die YPG statt auf türkische Truppen gesetzt habe, sagt der Militärexperte Rayk Hähnlein. Nach Ansicht des Forschers der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin geht es der Türkei in Afrin darum, sich nun wieder als „regionale Wirkungsmacht“ zu etablieren.

Die Russen ihrerseits seien interessiert, „einen zu starken Einfluss der USA auf die Kurden zu verhindern, der sich auf die Gestaltung der syrischen Nachkriegsordnung auswirken könnte“, sagt Hähnlein. Wenn die Kurden geschwächt werden, komme das Assad zu Gute. „Er könnte der politische Gewinner der derzeitigen Auseinandersetzungen sein.“


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