Mut machen statt jammern

Meinhard Feichter hat Knochenmarkkrebs. Im Buch „Gezählte Tage sind kostbare Tage“ erzählt der Südtiroler Buchhändler, wie er sich mit seinem „Begleiter“ angefreundet hat und Kraft aus der Musik schöpft.

Der Krebs ist wie ein Schatten der ständige Begleiter des Patienten.Foto: iStock
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Vor sechs Jahren haben Sie die Diagnose Knochenmarkkrebs erhalten. Wie geht es Ihnen?

Meinhard Feichter: Ich bin zufrieden und dankbar. Die Unheilbarkeit der Krankheit erfordert die Einnahme einer Erhaltungschemotherapie im Dreiwochenrhythmus, die Dauerschmerzen an der implodierten Wirbelsäule werden mit Morphinen auf ein erträgliches Maß reduziert.

Die Nebenwirkungen lindern komplementäre Arzneimittel und alternative Heilmethoden. Als ungewollter „Halbpensionist“ ist es für mich wichtig, aktiv zu bleiben. Die Arbeit, der Umgang mit Menschen und die Musik tun mir gut. Ich weiß, meine Tage sind gezählt, aber wir alle wissen nicht wirklich, was morgen sein wird.

Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben? Soll es als Ratgeber für andere Krebskranke dienen?

Feichter: Als Buchhändler habe ich bislang eine Vielzahl an lebenshelfenden Büchern in den Händen gehabt. Eine Buchhandlung ist ja auch ein­e Seelenapotheke und eines Buchhändlers Aufgabe ist es vornehmlich, Vermittler zwischen schreibenden und lesenden Menschen zu sein.

So wie mir gar einige Bücher nachhaltig geholfen haben, so möchte das nun auch ich tun und von meinen Erfahrungen im Umgang mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung ungeschminkt, ehrlich und möglichst authentisch erzählen.

Aufzeigen, dass wir nicht allein sind, und in großer Offenheit davon berichten, wie ich mit meinem neuen „Begleiter“ umzugehen und ihn in mein Leben zu integrieren vermag. Ich will nicht Ratschläge erteilen, wohl aber Angst nehmen und Mut machen!

Meinhard Feichter ist Buchhändler in Bruneck, Südtirol. Der 61-Jährige erhielt vor sechs Jahren die Diagnose Knochenmarkkrebs.
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Sie schreiben, dass Sie sich bewusst dafür entschieden haben, sich nicht mit dem Endverlauf Ihrer Krankheit zu beschäftigen ...

Feichter: Diese Entscheidung liegt ganz in unseren Händen. Ich kann nur empfehlen, gerad­e in Situationen mit Endzeitstimmung sich auf die Kraft der Gegenwart zu besinnen, ganz radikal im Hier und Jetzt zu leben und sich möglichst wenig Sorgen um morgen zu machen.

Macht man sich da nicht trotzdem oder gerade erst recht Gedanken darüber, was passieren wird?

Feichter: Es ist legitim, sich Gedanken zu machen und es ist verständlich, Sorge zu haben, aber die wertvolle Teilmacht über die persönliche Betrachtung und Bewertung meiner Krankheit, meines Schicksals habe ich. Sie kann mir niemand nehmen! Und diese Haltung holt mich aus der Gefahr einer Ohnmacht und damit aus der Verzweiflung heraus. Wenn ich entschieden und bewusst in der Gegenwart lebe, wird die Sorge um morgen kleiner, bekommt der heutige Tag mehr Qualität. Und in einer konsequenten Übung dieser Haltung verschwindet naturgemäß die Frage, auf welche Weise ich einmal sterben werde.

Wie geht es Ihrer Frau und Ihren beiden Töchtern mit der Situation?

Feichter: Ich weiß nicht, auf welcher Seite ich lieber stehen würde, wenn ich die Wahl hätte: auf der Seite des Patienten oder des Angehörigen. Es geht uns allen in der Familie besser, je mehr Alltag, ganz normalen Alltag, wir leben und je weniger Raum wir der Krankheit geben. Für mich heißt das, nur nicht jammern, für mein­e Familie bedeutet es, nicht ständig in Sorge zu sein. Und uns allen sei empfohlen, auch dem Humor, dem Lachen und der Unbekümmertheit einen bewussten Raum zu geben.

Ihre Musikempfehlungen zwischen den Kapiteln steche­n besonders ins Aug­e. Welchen Stellenwert hat Musik in Ihrem Leben und für den Umgang mit Ihrer Krankheit?

Feichter: Ich habe das Glück, in einer musikalischen Familie mit acht Kindern aufgewachsen zu sein. Mein inneres Ohr ist meist voller Musik, sie erfüllt mein Gemüt und hilft mir auch, in schwierigen Phasen der Krankheit Trost und Zuversicht zu tanken.

Es ist rational nicht zu erklären, wenn ich mich abends müde, voller Rückenschmerzen und eigentlich nur von meinem Verantwortungsempfinden getrieben zu einer Chor- oder Orchesterprobe aufmache. Und wenn ich dann danach heim komme, bin ich meist voller Energie und innerem Glück.

Das Interview führte Evelin Stark

Krebs ist nicht gleich Krebs

Innsbruck – In Tirol lebten im Jahr 2015 19.400 Fraue­n und 19.300 Männer mit Krebs, wie die Zahlen des in Kürze erscheinenden Bericht des Tiroler Tumorregisters preisgeben. Während das Fünfjahresüberleben bei Brustkrebs 89 % und bei Prostatakrebs 96 % beträgt, überstehen nur 9 % der Betroffenen fünf Jahre nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Insgesamt liegt Tirol bei den Neuerkrankungen im EU-Schnitt, bei den Todesraten teils deutlich darunter (u. a. bei Brust-, Prostata-, Hoden- und Nierenkrebs). Das Fünfjahresüberleben liegt generell bei 65 % und ist damit fast ident mit den USA.

Seit 2000 sind die Überlebenschancen bei Krebs weltweit gestiegen. Das bestätigt die heute im Fachmagazin The Lancet erschienene Concord-3-Studie. Trotzdem macht die Krebsart einen Unterschied – und wo man lebt. Nach der Auswertung von 322 Krebsregistern aus 71 Ländern bestehen die besten Heilungsaussichten in den USA, Kanada, Neuseeland, Finnland, Norwegen, Schweden und Island. (dpa, thm)


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