Herr Ryu trägt bis heute eine Kugel aus dem Korea-Krieg im Körper

Seoul (APA) - Herr Ryu hat seit Jahrzehnten eine Gewehrkugel im Leib. Von der Herzgegend ist sie im Laufe der Zeit hinunter Richtung Leber g...

Seoul (APA) - Herr Ryu hat seit Jahrzehnten eine Gewehrkugel im Leib. Von der Herzgegend ist sie im Laufe der Zeit hinunter Richtung Leber gewandert. Herr Ryu führt das scherzhaft auf die Schwerkraft zurück. Das Projektil tut dem 86-jährigen Veteranen längst nicht mehr weh. Dass seine Heimat Korea fast 70 Jahre nach Ausbruch des Korea-Krieges noch immer geteilt ist, schon.

Ryu Jae-sik wurde 1932 geboren. Korea war damals von den Japanern beherrscht. Ryu lebte als ältester Sohn mit zwei Schwestern und einem Bruder bei Mutter und Großvater in Chuncheon, 70 Kilometer östlich von Seoul. Der Vater, ein Bauer, war früh gestorben. „Da musste ich bald Verantwortung übernehmen. Ich sammelte und schlägerte Holz, das wir nach Seoul verkauft haben.“

Die Japaner betrieben in Korea eine Politik der Assimilierung. Passten sich die Koreaner nicht der japanischen Kultur an, setzte es Strafen. Der Gebrauch der koreanischen Sprache war verboten. In jedem Dorf wurden Shinto-Tempel errichtet. „Wir mussten dort beten ‚Ich will ein Japaner sein, ich will ein Japaner sein‘ und Geldspenden leisten“, erzählt Herr Ryu mit lauter energischer Stimme und stets wild gestikulierend. „Wenn wir das nicht gemacht haben, mussten wir Toiletten reinigen.“ Einmal vertat sich Herr Ryu bei einem Lied für den japanischen Kaiser und die japanische Armee. Er verballhornte den Text versehentlich so, dass der Lehrer dies als mutwilligen, subversiven Akt verstand. „Ich musste bis zum Abend knien“, schildert Herr Ryu.

Die Situation verschlechterte sich für die Koreaner im Zweiten Weltkrieg. Hunderttausende mussten Zwangsarbeit für die japanische Rüstungsindustrie leisten; die Ressourcen Koreas wurden ausgebeutet. „Sie brauchten Öl für Maschinen und Fahrzeuge, deswegen mussten wir Baumharz sammeln. Die Militärpolizei sammelte alles Blech- und Metallgeschirr ein, aus dem sie Propeller für Kampfflugzeuge herstellten. Wenn sie herausfanden, dass man Geschirr versteckte, wurde man geschlagen, oder es wurde einem die Essensration gekürzt. Wir mussten alle Befehle der Japaner ausführen. Oft haben wir uns vor der Polizei versteckt, weil wir Angst hatten.“

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

TT ePaper

Daher „waren wir alle ganz froh“ als die Japaner den Krieg verloren und aus Korea abzogen. Korea war von Kampfhandlungen verschont geblieben. Das dicke Ende sollte freilich noch kommen. Sowjets und Amerikaner teilten Korea zunächst; es sollte als unabhängiger, geeinter Staat erstehen. Zu einer Vereinbarung darüber kam es wegen des Kalten Krieges jedoch nicht mehr. Es bildete sich das kommunistische Nordkorea und Südkorea heraus.

Als Jugendlicher sah Ryu Jae-sik in dieser Zeit viele Militärs in Chuncheon. Die Sowjetsoldaten seien „Diebe und Vergewaltiger“ gewesen, die amerikanischen GIs, vor denen die japanische Propaganda als „Monster mit großen Nasen“ gewarnt hatte, stellten sich als nette Männer heraus, die Schokolade verteilten. Besonders imponierte Ryu Jae-sik ein koreanischer Offizier, der Essen organisierte. Er wurde zu seinem Vorbild: „Ich wollte ein noch ranghöherer Offizier werden.“ Der Mittelschüler schloss sich, wie es damals vorkam, als Kindersoldat den Streitkräften an.

Weniger imponierten Herrn Ryu die Kommunisten. Mit Rückendeckung und Unterstützung Stalins waren 1950 nordkoreanische Soldaten in den Süden der Koreanischen Halbinsel einmarschiert und weit vorgedrungen. Nun war er da, der Krieg in Korea. „Die Kommunisten nahmen den Reichen Land weg und gaben es den Armen. Die Armen waren natürlich froh darüber. Das Steuersystem war aber schrecklich. Man musste 40 Prozent der Ernte abliefern. Reiche Landbesitzer wurden standrechtlich erschossen, Leute die ihre Steuern nicht beglichen, verschwanden spurlos.“

Ryu Jae-sik hielt sich damals in Chuncheon versteckt. Als der US-General Douglas MacArthur mitten in Korea mit einer US-geführten UNO-Truppe landete und den Kommunisten den Nachschub nach Süden abschnitt, schlug seine Kampfesstunde. Er beteiligte sich an der zunächst erfolgreichen Offensive gegen die Nordkoreaner, die ihn bis an die Grenze zu China führte. „Sie gaben mir keine Uniform, keinen Helm, nicht einmal Socken, sondern nur ein Gewehr. Ich hatte keine militärische Ausbildung. In der Schuluniform kämpfte ich mit anderen Jugendlichen an der Front, ich war selbst den niedrigsten Soldaten untergeordnet.“

Sein Feindbild waren dabei nicht die Kommunisten oder Nordkorea. „Es gab kein Nord gegen Süd für mich, nur den Feind. Am Anfang war ich schockiert, aber dann wurde mir klar: Wenn ich die Feinde nicht töte, töten sie mich.“

An der Grenze zur China, als der Krieg gewonnen schien, konnte sich Herr Ryu entscheiden, ob er in er Armee bleibt oder einfach heimkehrt. Herr Ryu blieb und wurde offiziell in die Armee aufgenommen. Da nahm der Korea-Krieg eine neue Wende. Rot-China griff mit Hunderttausenden Soldaten in den Krieg ein, die westlichen Truppen wurden an die Trennlinie, die Sowjets und Amerikaner gezogen hatten, zurückgeworfen. Es kam zu einem Stellungskrieg.

Herr Ryu legte die Offiziersprüfung ab, er überstand mehrere Schlachten. 13 Tage, bevor der Waffenstillstand geschlossen wurde, der die Trennung in Nord- und Südkorea zementierte, drang in der Kumsong-Schlacht die Kugel in Ryu Jae-siks Körper ein. Er fiel ins Koma. Als er aufwachte, „hat mich der Waffenstillstand nicht interessiert. Ich wollte nur wissen, wie die Schlacht ausgegangen ist.“ Sie war verloren: Von den 160, die der damalige Hauptmann Ryu unter sich hatte, hatten nur er und sechs weitere Männer überlebt.

Die Kugel konnte Herrn Ryu mit den damaligen medizinischen Mitteln nicht entfernt werden, so trägt er sie heute noch in sich. Eigentlich hätte er deswegen aus der Armee ausscheiden müssen, doch Ryu bestand darauf, zu bleiben und setzte sich damit durch. Er stieg bis zum Oberst auf. Ein Kämpfer ist er auch im Ruhestand geblieben: „Es schmerzt mich, dass Korea noch immer geteilt ist (...) und wir den Norden nicht befreit haben“, wird Herrr Ryu noch einmal besonders laut und fuchtelt herum. „Wir haben Glück, wir leben hier im Wohlstand. Die Menschen in Nordkorea tun mir leid, sie werden unterdrückt. Wir sollten Korea wiedervereinigen, nach unserem Willen, nicht nach dem Willen Nordkoreas. Das würde ich gern vor meinen Tod noch sehen. Ich weiß, was ein Krieg anrichtet, und ich gebe dem Dialog den Vorzug, aber wenn die Wiedervereinigung durch Dialog nicht möglich ist, dann eben mit der Waffe.“


Kommentieren