Der Zauber grundsolider Stofflichkeit

Heute erscheint mit „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ der letzte Teil von Elena Ferrantes unwahrscheinlich erfolgreicher „Neapolitanischer Saga“.

© imago stock&people

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Der Ablauf ist bekannt: Jemand – in diesem Fall James Wood, Literaturkritiker des New Yorker und Verfasser der brillanten Studie „Die Kunst des Erzählens“ – legt sich für einen Geheimtipp ins Zeug, schwärmt und lobt, als gäb’s kein Morgen. Weitere namhafte Kolleginnen und Kollegen ziehen nach. Nicht zuletzt aus Angst, das nächste heiße Ding im chronisch überhitzten Literaturbetrieb zu verpassen. Und das Ding wird tatsächlich heiß, ein Bestseller und Leseclubliebling also. Dann melden sich erste Kritiker, die den Anspruch erheben, das vielgepriesene Meisterwerk als faulen Zauber zu enttarnen. Schließlich ist dieser Tage nichts und niemandem zu trauen – und einem Hype schon gar nicht.

Genauso lief auch die Rezeptionsgeschichte der „Neapolitanischen Saga“ von Elena Ferrante ab, deren vier Bände – nach beachtlichem Verkaufserfolg in Italien – zwischen 2012 und 2015 in den USA zum Millionenseller wurden. Was schon allein deshalb beachtlich ist, weil in den Vereinigten Staaten übersetzte Belletristik einen verschwindend kleinen Marktanteil (etwa drei Prozent) hat. US-Verleger sowie deren Marketing-Maschinerie setzten schon lange vor Donald Trump auf „America First“.

Trotzdem ist der Fall Ferrante anders. Weil niemand wirklich weiß, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt. Diese Aura des Geheimnisvollen machte die Romanreihe auch bei Nichtlesern zum gefragten Smalltalk-Thema – und der Spaß erreichte seinen Höhepunkt just in jenem Moment, als Band eins der Saga – „Meine geniale Freundin“ – mit gehöriger Verspätung 2016 auch für ein deutschsprachiges Publikum vorlag. Selbst Investigativ-Profis verschrieben sich dem Mysterium Ferrante – und enttarnten Ende 2016 mit Methoden, die man gemeinhin Wirtschaftsverbrechern angedeihen lässt, die renommierte Übersetzerin Anita Raja als Autorin. Ungefähr zeitgleich fütterten Linguisten ihre Festplatten mit Ferrante-Sätzen – und der Computer spuckte den neapolitanischen Schriftsteller Domenico Starnone aus. Kuriose Pointe der fragwürdigen Enträtselungsversuche: Raja und Starnone sind verheiratet.

Mit den Büchern selbst hat diese Geheimniskrämerei wenig bis gar nichts zu tun. Ihrem Erfolg freilich hat es nicht geschadet. Heute Freitag erscheint mit „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ der vierte und letzte Teil der Erzählung zweier ungleicher Freundinnen, die wer auch immer durch Italiens ebenso turbulente wie brutale Nachkriegsgeschichte begleitet. Inzwischen schreiben wir das Jahr 1980 – und irgendwann bebt die Erde. Selbst eine grob gekachelte Nacherzählung dessen, was davor in und um Neapel, aber auch in den Vereinigten Staaten, wo manche Passagen angesiedelt sind, passierte, würde jeden Rahmen sprechen. Auch der finale Teil der Neapolitanischen Saga funktioniert nach dem Vorbild einer historisch präzise grundierten TV-Serie: wilde Wendungen, falsche Fährten, zahllose scheinbar lose Fäden, die irgendwann wieder aufgenommen und ins engmaschige Erzählnetzwerk eingeflochten werden.

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Dass das Unterfangen funktioniert, liegt allerdings weniger an Ferrantes offensichtlichem Gespür für klug gesetzte Cliffhanger, sondern an ihrem Talent, Figuren mit wenigen, bisweilen beinahe banal anmutenden Sätzen in echte Charaktere zu verwandeln. Selbst wenn man glaubt, dieses handwerklich geschickte Erzählverfahren durchschaut zu haben – und sich eigentlich selbstverliebt langweilen könnte –, fiebert man mit, ist ungeheuer überrascht, entsetzlich empört oder hochgradig entzückt.

Aber ist das jetzt große Literatur? Eindeutig: Jein. „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ ist sprachlich fein gearbeitet – und dabei konsequent unspektakulär. Ferrante reiht Fließbandworte zu Fließbandsätzen, doch gerade diese grundsolide Stofflichkeit sorgt dafür, dass das Erzählte immer mehr ist als heiße Luft. Es verwundert nicht, dass die Verfilmung von Elena Ferrantes „Neapolitanischer Saga“ bereits in Arbeit ist. Die Serie zur Weltbestseller-Reihe soll 2019 anlaufen.

Roman Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Neapolitanische Saga 4. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp, 615 Seiten, 20.70 Euro.


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