Treppauf, treppab auf der Spur des Authentischen

Haus im Haus, Museum im Museum, inszeniert als monumentales Fake eines Fake: Simon Fujiwaras „Hope House“ im Kunsthaus Bregenz.

© elad sarig

Von Edith Schlocker

Bregenz –Der Bastel-Bausatz des Amsterdamer Anne Frank Hauses hat den britisch-japanischen Künstler Simon Fujiwar­a zu seiner Ausstellung „Hope House“ inspiriert. Für die es, um sie in voller Konsequenz inszenieren zu können, eine Institution wie das Kunsthaus Bregenz braucht, deren Macher nicht müde werden, sich immer wieder auf extravagante, schon rein technisch extrem aufwändige Experimente einzulassen.

Ein solches ist auch das „Hop­e House“, ist es doch nichts anderes als der 1:1-Nachbau jenes Hauses, in dem Anne Frank und ihre Familie ihre letzten Jahre auf dem Dachboden vor den Nazis versteckt gelebt haben. In einem der typischen schmalen und hohen Amsterdamer Grachtenhäuser, das horizontal durch die Geschoßdecken des Kunsthauses zerschnitten vom ersten bis zum dritten Stock nachgebaut ist. Als monströs aufgeblasener Bausatz, wie man auf den ersten Blick sieht. Gebaut von Vorarlberger Handwerkern inklusive Firstfeier samt obligatem Baum beim Richtfest.

Das reale Haus mutiert auf diese Weise zur monumentalen Skulptur, inszeniert als Fak­e eines Fake, das das reale Anne Frank Haus letztlich ist. Ist von dessen originaler Substanz doch kaum etwas erhalten, der Großteil eine Rekonstruktion, was allerdings keine Auswirkungen auf die Betroffenheit seiner Millionen Besucher zu haben scheint. Für den 36-jährigen Künstler Ausdruck unserer Zeit, in der Gefühle schamlos vermarktet werden, was am besten in einer Fantasiewelt zu gelingen scheint.

Um das „Hope House“ zu erkunden, muss der Besucher über steile Leitern klettern und durch schummrig enge Korridore schlüpfen, bevor er/sie vor der Reproduktion jenes Bücherschranks steht, hinter dem sich die Franks ab 1942 versteckt haben.

Die Ausstattung des „Hope House“ ist im Gegensatz zu dem fast leeren Anne Frank Haus ist eine irritierende Mischung aus Alt und Neu, aus Echtem und Nachgemachtem, sentimentaler Erinnerungsarbeit und scharfer Kapitalismuskritik. Haben die Artefakte doch mit den ehemaligen Bewohnern genauso zu tun wie mit der Suche nach Authentizität in einer zunehmend beschleunigten Welt. Da gibt es etwa die penible Rekonstruktion von Anne Franks mit Fotos beklebter Schlafzimmerwand genauso zu sehen wie Bilder, die Fujiwara mit dem Make-up der deutschen Bundeskanzlerin Merkel gemalt hat. Als tausendfach vergrößertes, in unzählige Einzelteil­e zerschnittenes Porträt einer ikonischen Persönlichkeit. An eine Wand sind Eintrittskarten des Apartheid Museum von Johannesburg gepinnt, daneben läuft ein Video, in dem sich eine mexikanische Müllsammlerin mit einem Berliner Computeranimationsdesigner unterhält, in einer Vitrine liegt das Bastel-Set für einen Spielzeugpanzer, in einer anderen der Kopf einer japanischen Sexpuppe.


Kommentieren


Schlagworte