NGO: Libanesische Regierung hat „keinen Plan“ zur Flüchtlingsfrage

Wien (APA) - Der Landesdirektor der Nichtregierungsorganisation Mercy Corps für den Libanon, George Antoun, hat der Regierung des Landes vor...

Wien (APA) - Der Landesdirektor der Nichtregierungsorganisation Mercy Corps für den Libanon, George Antoun, hat der Regierung des Landes vorgeworfen „keinen Plan“ seit Beginn der Flüchtlingskrise zu haben. „Man konnte sich auf keinen Umgang mit den Flüchtlingen einigen“, sagte er im APA-Interview während der NOW-Konferenz, die diese Woche in Wien stattfand.

„Die neue Regierung ist seit rund einem Jahr im Amt und hat seit ihrer Einführung versprochen, eine Lösung zu finden“, erklärte Antoun. „Bis jetzt haben wir davon noch nichts gesehen“, bemängelte er. Für Antoun liegt dieses Problem an der hohen politischen Diversität im Land, denn die verschiedenen Parteien hätten „unterschiedliche Visionen“ und könnten sich nicht auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen.

Im Libanon leben laut UNO-Angaben fast eine Million Flüchtlinge aus dem Nachbarland Syrien, wo seit rund sieben Jahren ein Bürgerkrieg tobt, dessen Ende nicht absehbar ist. Die Menge der Flüchtlinge stellen für den Libanon eine große Belastung dar, denn das Land hat selbst nur vier Millionen Einwohner und ein Staatsgebiet von rund 10.000 Quadratkilometern - eine etwas kleinere Fläche als die des Bundeslands Oberösterreich.

Der Landesdirektor beklagte zudem, dass die internationalen Finanzhilfen für den Libanon nicht angemessen seien. „Das Maximum der Finanzierung entspricht jährlich rund 70 Prozent der angeforderten Mittel. 2017 war es sogar weniger“, sagte er. Die Anforderungen gingen von UNO-Agenturen, der libanesischen Regierung und NGOs aus, die im Libanon arbeiteten und einen Jahresplan aufstellten. Da die Forderungen jedoch nicht erfüllt würden, sei es besonders schwer, die Bedürfnisse der Flüchtlinge zu decken.

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Eine Besserung ist laut Antoun nicht in Sicht. „Generell geht die Finanzierung zurück und das ist kein gutes Zeichen“, sagte er. „Einige NGOs wie Mercy Corps mussten darum ihre Aktivitäten einschränken und sind nun gezwungen, alles zu reduzieren“, so Antoun weiter. Alarmierend sei, dass dies „wirklich wichtige Dinge“, wie „Jugendschutz und Gesundheitsfragen“ betreffe.

Dies beeinflusse die Lebensqualität der Flüchtlinge. „Rund 16 bis 18 Prozent der syrischen Flüchtlinge im Libanon leben in sogenannten informellen Siedlungen“, berichtete Antoun. „Das sind keine Lager im eigentlichen Sinne, denn in den Camps gibt es Organisationen, die sich beispielsweise um die Gesundheit und Ausbildung der Menschen kümmern“, fuhr er fort. „Die informellen Siedlungen sind Zeltsiedlungen, die auf einem beliebigen Stück Land entstehen“, erklärte er.

Die informellen Siedlungen entstünden zumeist an den Außenbezirken von Dörfern, wo das Land bewirtschaftet werde. „Manchmal gibt es Arrangements mit dem Grundbesitzer, wo die Flüchtlinge eine geringe Miete bezahlen. In anderen Situationen werden die Flüchtlinge in der Landwirtschaft beschäftigt und die Arbeitgeber stellen das Land zur Verfügung“, berichtete der Landesdirektor. Es gebe im Libanon über 4.000 solcher Siedlungen. Ihre Größe variiere von vier bis fünf Zelten bis hin zu mehreren hundert.

Das Verhältnis der libanesischen Bevölkerung zu den Flüchtlingen sei gespalten. „Die Menschen wollen helfen und sowohl der Schutz der Flüchtlinge bis zu ihrer Rückkehr in ihre Heimat als auch die Interaktion mit der Bevölkerung sind gewährleistet“, betonte Antoun. Dennoch gebe es Faktoren, wie den Wettbewerb um Arbeitsplätze und die Infrastruktur, die Spannungen schürten. Diese seien jedoch noch „unter Kontrolle.“ „In bestimmter Hinsicht ist das akzeptabel und funktioniert, gerade weil der Libanon Hilfe bekommt“, sagte er. „Ein großer Teil der Hilfen kommt dem Bedarf der Gemeinden zugute, sodass sowohl die Einheimischen als auch die Flüchtlinge profitieren. Das hilft dabei, die Spannung zu lösen“, fuhr er fort.

Die Integration der Flüchtlinge funktioniere im Libanon anders als in Europa, wo die Flüchtlinge langfristig in die Gesellschaft eingegliedert werden sollten. „Im Libanon ist das anders, dort wird die Situation als temporär angesehen, bis die Flüchtlinge wieder nach Syrien zurückkehren können“, erklärte Antoun. Da der Libanon selbst aus vielen verschiedenen Volksgruppen bestehe, sei die Integration einer großen Anzahl Flüchtlinge „sehr schwer“. „Die Regierung und die Politiker lehnen das ab“, analysierte er.

Für Antoun ist eine baldige Heimkehr der Syrer unwahrscheinlich. „Syrien ist laut internationalen Standards noch nicht sicher genug, damit die Menschen wieder zurückkehren können. NGOs, die Regierung und die UNO können also auch nichts tun, um sie wieder nach Hause zu bringen“, erklärte er.

Mercy Corps ist eine internationale NGO, die sich seit 1993 im Libanon engagiert. Ihre Entwicklungsprojekte umfassen die Bereitstellung von Trinkwasser und Sanitäranlagen in informellen Siedlungen, Frauen- und Kinderschutz sowie Förderungen bei der Gründung kleiner Unternehmen, die das seit zwei Jahren bestehende Abfallproblem im Libanon bekämpfen sollen.

(Das Interview führte Martin Auernheimer/APA)


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